Mittwoch, 16. Januar 2013

Welthass

Sándor Petöfi


Herrgott im Himmel! Teufel in der Hölle!
Geht das hier fort so, ohne Unterlass?
Ein Weltenfresser hockt auf jeder Schwelle;
In jedem Strauche lauert Menschenhass.

Sie schleudern wild die Steine ihrer Flüche
Und geben nur ihrem Hass sich kund:
Wie offene Gräber modrigen Gerüche,
Entsteigen ekle Flüche ihren Mund.

Hat Liebe eure Antlitz je gerötet,
Dass ihr enttäuscht im Hasse Zuflucht sucht?
Habt für die Menschheit Heil ihr je gebetet,
Dass ihr sie jetzt erbarmungslos verflucht?

Zertrat die Welt in feindlich rauhem Streben
Das Herz, das Freundschaft ihr entgegen trug? -
Ihr habt der Welt das Herz nicht hingegeben, -
Weil nie ein Herz in euren Busen schlug!

Kein Herz besitzt ihr! Taschen nur und Magen ...
Und weil ihr die nicht immer füllen könnt,
Füllt ihr die Welt mit Flüchen und Klagen
Und hasst alles unterm Firmament ...


Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Wenn aber Christus, der gesagt hat: "Du sollst nicht töten!" ...

Kurt Tucholsky


Wenn aber Christus, der gesagt hat: "Du sollst nicht töten!"
An seinem Kreuz sehen muss, wie sich die Felder blutig röten;
Und wenn die Pfaffen Kanonen und Flugzeuge segnen
Und in den Feldgottesdiensten beten, dass es Blut möge regnen;
Und wenn der Vertreter Gottes auf Erden
Soldaten-Hammel treiben, auf das sie geschlachtet werden;
Und wenn die Glocken läuten: "Mord!" und die Choräle hallen:
"Ihr sollt eure Brüder nieder knallen!"
Und wenn jemand so verrät den Gottessohn -:
Das ist Religion!


Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Die Jungen und die Alten

Georg Herwegh


»Du bist jung, du sollst nicht sprechen!
Du bist jung, wir sind die Alten!
Laß die Wogen erst sich brechen
Und die Gluten erst erkalten!

Du bist jung, dein Tun ist eitel!
Du bist jung und unerfahren!
Du bist jung, kränz' deinen Scheitel
Erst mit unsern weißen Haaren!

Lern', mein Lieber, erst entsagen,
Laß die Flammen erst verrauchen,
Laß dich erst in Ketten schlagen,
Dann vielleicht kann man dich brauchen!«

Kluge Herren! Die Gefangnen
Möchten ihresgleichen schauen;
Doch, ihr Hüter des Vergangnen,
Wer soll denn die Zukunft bauen?

Sprecht, was sind euch denn verblieben,
Außer uns, für wackre Stützen?
Wer soll eure Töchter lieben?
Wer soll eure Häuser schützen?

Schmäht mir nicht die blonden Locken,
Nicht die stürmische Gebärde!
Schön sind eure Silberflocken,
Doch dem Gold gehört die Erde.

Schmähet, schmäht mir nicht die Jugend,
Wie sie auch sich laut verkündigt!
O wie oft hat eure Tugend
An der Menschheit still gesündigt!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Georg Herwegh

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