Sonntag, 14. Februar 2010

Wird Zeit, dass wir leben

Volly Tanner


Das Taxameter läuft, die Straßen sind
Regennass, hinter der nächsten Ecke
Warten die Gerichtsvollzieher
Mit den Vollstreckungsbescheiden
Das Wort bescheiden macht sich hier komisch aus
Die Töne zur Lage der Nation
Haben seit Jahrzehnten den
Gleichen Rhythmus, ich habe Angst zu verhungern
Und mein Bauch spannt von
Zu viel Ödnis und Leere
“Fahren Sie bitte etwas langsamer”
“Gut, wo wollen Sie denn eigentlich hin?”
“Nirgendwohin, fahren Sie mich einfach ein bisschen herum.”

Im Radio läuft Ulla Meinecke:

wir hängen so am leben
hilflos baumelnd wie am strick
und schauen in die zukunft
mit seltsam starrem blick

In diesen Nächten erbricht sich der
Innenstadtblues aufs Pflaster, die Heimatlosen
Irren Verrückten und Wahnsinnigen
Suchen nach ausgleichender Gerechtigkeit
Mit den drei Wörtern an der Wand
Nichts stimmt mehr!
Nichts geht mehr!
Olaf liebt Sarah!
Das Werbesloganrepertoire bestimmt das Handeln
Es regnet immer noch, der Mond zerknallt
Auf rissigem Teer
Seitenstraßenschmerzen, Innenstadtdesaster
Ich beiß mir in die linke Hand
Um zu spüren, dass da noch etwas ist
Damit ich wenigstens einen Grund habe zu heulen
Das Taxameter läuft und läuft
Und Felix de Luxe wollen nach Paris und schaffen
Es nur bis Oggersheim
Ich sammle Sätze
Da draußen leben sie und werden gesprochen
Und atmen und stinken nach altem
Bier aus Chemnitz, noch billiger als Sternburg Export
Und werden an Mauern gesprüht
Weil ja sowieso niemand Zeit hat
Zuzuhören
Wenn die Fernsehzeitung den Ablauf bestimmt
“Plant uns bloß nicht bei Euch ein!”
Das ist gut, das hat Stil...

Meine Stadt lebt von der Stütze
Meine Stadt dampft nach dem Regen
In meiner Stadt hat nur noch
Jede vierte Laterne Sonne im Bauch
Und zersplitterte Bushaltestellen
Und zersplitterte Telefonzellen
Und Augenkrebs vom Blut
An den Innenseiten der Schenkel

Das Taxameter zeigt eine verwirrend
Eindeutige Zahl und der Taxifahrer dreht sich um
Sein Mund öffnet sich
Zahnstummel, eine glitschig fette Zunge
Der Takt der Wörter vermischt sich
Mit den Schreien der kroatischen Soldatenwitwe, die in der
Parallelstraße vergewaltigt wird
Hier ist mein Platz
Hier möchte zwar kein Hund begraben sein
Aber die Kinder sind so wunderbar laut
Und die Bäume wachsen jedes Jahr etwas mehr in Richtung Sonne

Bevor ich den Schlüssel
Ins Schloss stecke, drehe ich mich
Noch einmal um
Und lese gegenüber
“Solange wir nicht
Absolut sicher sind,
Sind wir noch am Leben!”




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