Arno Holz

Mittwoch, 20. Februar 2013

Chaos

Arno Holz


Das ist der Fluch, der diese Zeit durchzittert,
Der uns das Leben und den Tod verbittert:

Wir legen ewig neu das Fundament
Und niemals greift der Bau ins Firmament!

Wir hören blutend, wie die Völker wimmern,
Und helfen selber ihre Kreuze zimmern!

Wir flehen brünstig um das Weltgenie
Und sind noch viehisch, viehisch wie das Vieh!

Wir speien auf das Kreuz der Kathedrale
Und dichten nur noch Zukunftsideale!

Wir thun die Skepsis feig in Acht und Bann
Und schliesslich - glaubt man selber nicht daran!

Das ist der Fluch, der diese Zeit durchzittert,
Der uns das Leben und den Tod verbittert!



Quelle: https://www.gedichteportal.de

Arno Holz 1863-1929

Donnerstag, 15. November 2012

Ausgepfiffen!

Arno Holz


Das Leben ist eine Komödie
Und geht oft über den Spaß
Und gleicht dann jener Tragödie,
In der Einer den Andern fraß.

Und wenn wir's auch nicht wollen,
Wir kommen doch alle drin vor
Und spielen die nöthigen Rollen
Vom Jean bis zum Heldentenor.

Und wer mit seiner Visage
Am besten zu gaunern gelernt,
Erhält die nobelste Gage
Und wird auch mitunter besternt.

Ich studirte mir manche Falte
Und trat vor das volle Haus,
Doch blieb ich immer der Alte -
Drum pfiff mich das Publikum aus!



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 25. August 2012

Noch Eins!

Arno Holz


Mit dem Volke soll der Dichter gehen,
Also les' ich meinen Schiller heut!
Ferdinand Freiligrath.


Noch Eins!

Beim Leibe des Brots und beim Blute des Weins!
Merkt auf, ihr Herren im Frack!
Ihr hohen Herrn! denn ich pfeif euch noch Eins,
Noch Eins auf dem Dudelsack!
Und ob ihr auch flucht und mich niederschreit,
Mir Alles einerlei!
Die Porzellan- und Reifrockzeit
Ist Gottseidank vorbei!

Vor dem Drei-Stern, den unsere Zeit gebar,
Verschließt St. Peter die Thür:
Garibaldi heißt er und Bolivar
Und Toussaint L'Ouvertüre.
Es wandelt der neue Jesus Christ
Still durch die Völker schon:
O glaubt mir, unser Jahrhundert ist
Das Jahrhundert der Revolution!

Schaut hin, schon hat's an den Nagel gehängt
Purpur und Hermelin
Und sitzt am Studirtisch tief versenkt
In die heilige Schrift des Darwin.
Ja die biblische Spottgeburt aus Lehm
Besann sich auf ihre Kraft
Und die Wahrheit entschleiert ihr Weltsystem
Vor der Köngin der Wissenschaft!

Ihr aber thut, als wäre die Welt
Noch die Welt, die sie ehmals war;
Ihr bucht eure Titel und zählt euer Geld
Und faselt von Thron und Altar!
Ihr faselt im Wachen, ihr faselt im Traum
Und im Frühling genirt euch der Wind
Und keiner merkt, wie im Freiheitsbaum
Schon die Knospen gesprungen sind!

Ihr spreizt euch und bläht euch und nörgelt und mault
Trotz Hunger und Dynamit
Und seid doch an Körper und Geist verfault,
Verfault bis ins hundertste Glied!
Ihr haßt das Licht wie die Pestilenz,
Und der Schuftigste brüllt: Ich riskir's!
Und schneuzt sich und schwört auf die Intelligenz
Der hinterpommerschen Peers!

Doch ein braver Fluch ist auch ein Gebet
Und die Marseillaise ein Lied,
Drum wenn das noch lange so weitergeht,
Dann weiß ich, was geschieht!
Dann ruft das Volk: Vermaledeit!
He Pulver her und Blei!
Die Porzellan- und Reifrockzeit
Ist Gottseidank vorbei!


Aus der Sammlung Buch der Zeit

Quelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 19. April 2010

An die „Obern Zehntausend“

Arno Holz

Und wieder rollt nun sterbend ein Jahrhundert
Dem Abgrund zu, drin uns die Zeit verschlingt,
Und ihr seid immer noch nicht abgeplundert,
Nicht hinter die Coulissen abgehinkt?

Wollt euch nicht länger freventlich vermessen,
Denn euer Lebensnerv ist abgestumpft,
Denn eure Kronen sind von Rost zerfressen
Und eure Stammbaumwälder sind versumpft!

Ein neu Geschlecht, schon wetzt es seine Schwerter,
Schon webt die Sonne ihm den Glorienschein,
Und glaubt: Es wird kein veilchenblauer Werther,
Es wird ein blutiger Messias sein!

Quelle: https://gedichte.xbib.de

An die Conventionellen

Arno Holz

Ihr habt genug mein armes Hirn gebüttelt,
Ich käu nicht wieder wie das liebe Vieh;
Längst hab ich von den Schuhen ihn geschüttelt,
Den grauen Schulstaub eurer Poesie!

Ich hab mich umgesehn in meinem Volke
Und meiner Zeit bis tief ins Herz geschaut
Und nächtlich ist aus dunkler Wetterwolke
Ein heilig Feuer in mein Lied gethaut.

Nun ruf ich zu des Himmels goldnen Kronen:
Dreimal verflucht sei jegliche Dressur!
Zum Teufel eure kindischen Schablonen!
Ich bin ein Mensch, ich bin ein Stück Natur!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

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