Clara Müller-Jahnke

Mittwoch, 18. Juli 2012

Fabrikausgang

Clara Müller-Jahnke


Bleigraue Schatten zittern durch die Luft,
aus hohen Essen quillt ein blauer Duft.
Durch Steingefüge dröhnt der Hämmer Ton,
um Erzgeäst schwirrt dumpf die Transmission,
schwirrt stumpf und dumpf, noch eh' die Sonne kam
bis daß der Tag verglüht in Zorn und Scham,
bis daß die Nacht barmherzig deckt die Qual -

Ein Glockenzeichen gellt im Arbeitssaal.

Da stockt der Lärm - und kreischend geht das Tor:

Ein Jüngling stürmt, ein Knabe fast, hervor;
im staubigen Rock, die Mütze im Genick,
ein frohes Leuchten noch im Kinderblick,
staunt er die Welt wie neugeboren an -
da schiebt ihn seitwärts schon sein Nebenmann.

Da drängt's hervor wie flügellahme Brut,
da wächst und wogt des Elends graue Flut:

Mit bangem Blick die blasse Mutter hier, -
zu Hause weint der Säugling schon nach ihr.
Das Mädel dort, Chrysanthemum am Hut,
- in flacher Brust erlogne Liebesglut, -
das frech vertraut dem nächsten Burschen nickt, -
der Mann, der stieren Auges vor sich blickt, -
und nun der Greis, der matt nach Hause wankt
und für den Hungerlohn dem Schöpfer dankt . . .

Des Landes Mark, der Großstadt Kraft und Glut
verschlingt des Elends uferlose Flut.

Mit müdem Schritt, die Stirn gesenkt und schwer,
zur Heimstatt zieht der Arbeit Sklavenheer,
zu kurzer Rast, daß schlafgestärkt die Kraft
beim nächsten Morgengraun aufs neue schafft.
Mit frischer Gier, mit niegestillter Wut
trinkt die Maschine ihres Herzens Blut.

Vorüberziehn, in seltsam scheuer Hast,
sie an der Arbeitsherren Prunkpalast:
den Tisch, der dort vor Ueberfülle bricht,
sie deckten ihn; doch ihnen blüht er nicht . . . .

Zwei Männer nur, den Hammer in der Hand,
hemmen den Blick und starren unverwandt
in all den Glast, der Freude goldenen Sitz;
aus ihren Augen zuckt des Hasses Blitz.
- So blickt der Leu, wenn sich die Schlange regt. -
sie wissen wohl , wohin ihr Fuß sie trägt,
sie schaun ihr Ziel, so sternenlicht und weit . . .
Und um sie braut die große Einsamkeit,
die schwere Ruh. -
Vom Himmel dichtgedrängt
die schwarze Wolkenmasse niederhängt,
indes am freien Horizont verloht
sturmdunklen Blicks ein blutig Abendrot.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 10. März 2012

Dem Kampf entgegen

Clara Müller-Jahnke



So schlaf in Frieden, armes Lamm . . .
Laß einsam mich auf steinigen Wegen
im Straßenstaube fürbaß ziehn
des Tages großem Kampf entgegen.

Es geht ein Brausen durch die Luft
wie eines starken Sturmes Wehen:
Aus Trümmern tausendjährigen Wahns
will eine neue Welt erstehen.

Des Wertes Wage schwankt nicht mehr,
schon neigt sich tief die goldene Schale -
des neuen Glaubens Märtyrer
empfingen ihre Wundenmale.

In deinem Tempel knieen sie,
von Schmerz durchloht und edlem Grimme,
du dreimal heilige Natur,
und hören der Verheißung Stimme:

»Raum hat die Erde allerwärts,
der Himmel Luft für Millionen -
der Aermste soll auf eigenem Grund
im Schatten seines Daches wohnen!

Und trinken soll mit vollem Zug,
wer nach dem Born der Wahrheit dürstet, -
und wem der Geist die Krone reicht,
die göttliche, der sei gefürstet!

Fortan soll keine Mutter mehr
ihr Kind in tausendfachen Schmerzen
verleugnen müssen, das sie trägt
in heiligster Liebe unterm Herzen.

Das reine Antlitz der Natur,
wer wagt, mit Schmach es zu bewerfen? -
Das Schwert der siegenden Vernunft,
zum letzten Kampfe sollt ihr's schärfen! -«

Und glühend stürmen sie zum Streit,
laut gellend schreit die Schlachttrompete, -
hoch über ihren Häuptern flammt
des neuen Tages Morgenröte.

Aus Ketten schmieden sie den Stahl,
von Herzblut rot die Banner wehen . . .
Mich aber laßt mit nackter Brust
in ihren ersten Reihen stehen!



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Genug der Qualen!

Clara Müller-Jahnke


Ich ging mit dir durch alles Elends Tiefen,
geknechtet Volk, durch einen Pfuhl der Schmach;
die Stimmen hört' ich, die nach Freiheit riefen,
und meine Seele hallte zitternd nach.
Ich schlief mit dir in deiner Armut Hütten,
in die kein Mondlicht mild verklärend scheint,
all deinen Jammer hab' ich durchgelitten,
all deine Tränen hab' ich mitgeweint!

Ich frohnt' wie du dem Sausen der Maschine
im grauen Tagewerk voll Staub und Dunst;
mit deinen Töchtern ging ich, daß ich diene, -
um trocken Brot verkauft' ich Geist und Gunst!
Ich ballt' die Faust - und doch: das Joch zu tragen,
beugt' ich die Stirn vor des Gesetzes Fluch -
und deine Zähne hört' ich knirschend schlagen
und knirscht mit dir ein trotziges: »Genug!«

Genug des Knechttums und genug der Qualen!
Der Gott des Zorns, den deine Sehnsucht träumt,
geht durch die Welt. - Und wenn aus seinen Schalen
der erste Tropfen brausend überschäumt,
dann weh dem Götzen, der auf ehrnen Achsen
das Feld zerstampft, von deinem Schweiß beträuft:
aus deinen Tränen wird die Sturmflut wachsen,
die seine goldne Herrlichkeit ersäuft!

Dann aus den Himmeln fällt der Wahrheit Feuer
in deine Nacht, das einst Prometheus stahl -
an ihrem Brand entzündet sich ein neuer:
der Welterlösung leuchtend Flammenmal!
Lichttrunken will ich dann die Arme heben
und jauchzen in den glühen Glanz hinein -
und wenn des Liedes Gabe mir gegeben,
laß mich die Stimme deiner Freiheit sein!



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 23. März 2009

Warnung

Clara Müller-Jahnke

Was suchst du hier in meinem Reich
und wühlst in unerforschten Tiefen,
weckst meine Träume, stumm und bleich,
ertrunken, die im Moore schliefen?

Aus Süden kam ein heißer Hauch:
des Abgrunds blasse Lilien blinken -
wenn sie dich locken, wirst du auch,
wie hundert andre, jäh versinken.

Seit einst der Prinz von Samarkand
sein Blut verspritzt zu meinen Füßen,
bin ich in ewiges Graun gebannt,
und wer mich küßt, muß elend büßen.

Quelle: https://gedichte.xbib.de

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