Erich Mühsam

Dienstag, 8. April 2014

Das Volk der Denker

Erich Mühsam


Du armes Volk! Von aller Welt betrogen,
besiegt im Kampf, im Sehnen selbst besiegt,
sinnst du, das Hirn mit Wissen vollgesogen,
der Frage nach, woran dein Unglück liegt.

Und schon gelingt dir trefflich zu erklären,
warum bei so beschaffner Produktion
des einen Teil der Schweiss ist und die Schwären,
des andern Teil Theater, Sport und Spon.

Materialistisch weisst du zu begründen
der Wirtschaftsform Naturnotwendigkeit
und widerlegst den Wahn von Schuld und Sünden
als Narrenglauben der Vergangenheit.

Wie scheint der Mahner dir naiv und komisch,
der an die Seele pocht: Wach auf! Hab Kraft!
Du rechnest, wann historisch-ökonomisch
die Stunde reift auf Grund der Wissenschaft.

Du lachst des Spruchs, Tat wachse nur aus Wollen,
der manchmal noch in wirren Köpfen spukt.
Du siehst am Faden die Entwicklung rollen,
erkennst dich selbst als deiner Zeit Produkt.

Du lerntest längst nach Phasen zu begreifen
den Aufstieg der Geschichte und Kultur
und lehnst es ab, in Träumerei zu schweifen:
Kleinbürger-Utopien hemmen nur.

Du kennst die Welt, durchdenkst sie dialektisch;
empirisch ist dein Tun, dein Sinn real
Sind deine Kinder skrofulös und hektisch -
du weisst Bescheid: so wirkt das Kapital.

Und stehn sie hungrig vor des Reichen Türen,
der dich, Rebell! - vertrieb aus der Fabrik.
Du senkst den Kopf in Bücher und Broschüren
zum Studium der sozialen Republik.

Und liest: die Erde gäbe allen reichlich,
gehörte sie nur allen; - und du liest:
der schnöden Gegenwart folgt unausweichlich
die Zukunft, die ein freies Volk geniesst.

Die Zukunft kommt! Von selbst und ungerufen!
Im stolzen Trost schwelgt deine Phantasie.
Nur eine Serie von Entwicklungsstufen
steht noch bevor. - So lehrts die Theorie.

Du liest und lernst. Den Rücken krumm gebogen,
durchwühlst du Heft um Heft und Band um Band.

O armes Volk! Von aller Welt betrogen,
betrügst du selbst dich um dein Sehnsuchtsland.


Erich Mühsam

Aus: Erich Mühsam, Sammlung 1898-1928, Berlin 1928

Originaltext: Akratie Nr. 7, Frühjahr 1977. Digitalisiert von www.anarchismus.at

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Vision

Erich Mühsam


Vor dem Rot des Tags, der Abschied nimmt,
wälzt sich wollig wolkig grauer Rauch,
welcher eines nahen Schlotes Bauch
schwer entklimmt.

Und der Rauch formt vor dem roten Schein
weiche Arabesken und Figuren.
Wunderlich zerfließen die Konturen
querluftein.

Was die Menschenhand am Ofen drunten
um des Brotes Willen schafft und flicht,
zieht vorbei im abendhimmelsbunten
Schemenlicht.

Hämmer fallen auf geglühten Stahl.
Flammen schlagen, und der Motor brüllt,
wo man schwarze Eisenmäntel füllt,
ohne Zahl.

Traurig bleibt der Wandrer stehn und sieht,
wie das finstre Werk in grauen, langen,
schlimmen Wegs bewußten Wolkenschlangen
nachtwärts zieht

Giftig spaltet sich die Schlangenhaut.
Schwerter züngeln und Kanonenmünder
runden sich und bersten, Hundertpfünder -
ohne Laut.

Pferdeleiber winden sich, und Hände
greifen langgefingert jäh ins Leere.
Durch die Reste wüster Waldgelände
stelzen Heere.

Steil und spitzig stoßen Bajonette
auf und nieder. Türme steigen, kippen.
Tanzend, wiegend schlingt sich eine Kette
aus Gerippen.

Fäuste wachsen, krallen sich um Kehlen.
Dürre Körper sinken unter Hieben.
Vor dem roten Schein im Rauch zerstieben
Menschenseelen.

Nacht verschluckt die nebligen Gebilde.
Ruhlos walkt der Schlot der Waffenschmiede ...
Wann wird Tag? O wann erwacht der milde
Weltenfriede?



Quelle: https://www.muehsam.de/cp/emt/emt.html

Samstag, 5. Mai 2012

Bonzen-Blues

Erich Mühsam


Sei dankbar, Volk, den Edlen die dich leiten,
der Obrigkeit, die stets dein Heil bedenkt.
Willst du dir selber dein Geschick bereiten,
bald wär die Karre in den Sumpf gelenkt.
Was weißt denn du, was für dein Wohlsein nötig ist?
Das Volk gehorche, weil es brägenklötig ist.
Der höhern Einsicht füge dich beizeiten,
und frag nicht lang, warum der Staat dich hängt.

Vertraue, Volk, den Bonzen der Parteien,
geborgen ist dein Glück in ihrem Schoß.
Wenn du sie wählst, wolln alle dich befreien,
wenn sie gewählt sind, melken sie dich bloß.
Stell dir doch vor, wenn niemand dich regieren soll,
wovon dein Bonze dann noch existieren soll.
Der ganze Landtag müßt vor Hunger schreien.
Selbst die Abortfrau wäre arbeitslos.

Sie haben nichts im Kopf als Paragraphen.
Die Bonzen sind, o Volk, die Jungs im Skat,
verhängen Steuern über dich und Strafen,
und wenn du aufmuckst, dann ist's Hochverrat.
Sie merken nie, wenn alles auf der Kippe steht,
sie merken immer, wo noch eine Krippe steht,
doch du, o Volk, du kannst geruhsam schlafen.
Die Bonzen wachen ja, es wacht der Staat.



Quelle: https://www.anarchismus.at

Sonntag, 11. Dezember 2011

Erziehung

Erich Mühsam


Der Vater zu dem Sohne spricht:
Zum Herz- und Seelengleichgewicht,
zur inneren Zufriedenheit
und äußeren Behaglichkeit
und zur geregelten Verdauung
bedarf es einer Weltanschauung.
Mein Sohn, du bist nun alt genug.
Das Leben macht den Menschen klug,
die Klugheit macht den Menschen reich,
der Reichtum macht uns Herrschern gleich,
und herrschen juckt uns in den Knöcheln
vom Kindesbein bis zum Verröcheln.
Und sprichst du: Vater, es ist schwer.
Wo nehm ich Geld und Reichtum her?
So merk: Sei deines Nächsten Gast!
Pump von ihm, was du nötig hast.
Sei's selbst sein letzter Kerzenstumpen -
besinn dich nicht, auch den zu pumpen.
Vom Pumpen lebt die ganze Welt.
Glück ist und Ruhm auf Pump gestellt.
Der Reiche pumpt den Armen aus,
vom Armen pumpt auch noch die Laus,
und drängst du dich nicht früh zur Krippe,
das Fell zieht man dir vom Gerippe.
Drum pump, mein Sohn, und pumpe dreist!
Pump anderer Ehr, pump anderer Geist.
Was andere schufen, nenne dein!
Was andere haben, steck dir ein!
Greif zu, greif zu! Gott wird's dir lohnen.
Hoch wirst du ob der Menschheit thronen!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Sonntag, 6. November 2011

Kriegslied

Erich Mühsam


Sengen, brennen, schießen, stechen,
Schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren ...
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand -
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer - Handgranaten -
Wunden - Leichen - Heldentaten -
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant!
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette. Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen!
Deutscher kennt kein Unterliegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen - hochgeschmissen -
Bauch und Därme aufgerissen.
Rote Häuser - blauer Äther -
Teufel! Alle heiligen Väter! ...
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand -
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 26. Februar 2011

Vermächtnis

Erich Mühsam


Ihr Kameraden der Not,
hört mein Gebot!
Hört mein Vermächtnis!
Es kommt die Zeit, da das Feuer loht,
da die Welt sich befreit,
daß das Leben in lockenden Sprachen spricht.
Vergeßt eure Not, eure Leiden nicht!
Ich lehr euch: Gedächtnis!

Ihr Kameraden der Haft,
schont eure Kraft!
Bändigt die Sorgen!
Was Wut und Scham eurer Leidenschaft,
euerm Willensdrang nahm,
was Leids sich im Herzen euch häufen mag:
es wird alles gebraucht für den kommenden Tag.
Spart's auf für das Morgen!

Ihr Kameraden der Nacht,
steht auf der Wacht!
Lernt von den Bütteln!
Was Haß euch lehrt und mißbrauchte Macht,
sei gepflegt und vermehrt.
Ein Altar aus verwartetem Ekel und Groll,
von der Liebe entbehrten Küssen voll -
wer will daran rütteln?!

Ihr Kameraden im Tod,
hört mein Gebot!
Mein letztes Vermächtnis!
Bald wird vielleicht uns das Henkerbrot
in den Kerker gereicht.
Dann segnet das Blut, das dem Leibe entrinnt!
Es fließt zur Jugend, die Rache sinnt -
und lehrt sie: Gedächtnis!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Die Pflicht

Erich Mühsam


Jüngst war der Tod bei mir zu Gast ...
Unsichtbar stand er und hat still
und prüfend meinen Puls gefaßt,
als fragt er, ob ich folgen will.
Da ward mein Körper schwebend leicht,
und in mir ward es licht und rein.
Ich spürte: Wenn das Leben weicht,
muß Seligkeit und Süße sein.
Willkommner Tod, du schreckst mich nicht;
in deiner Obhut ist es gut,
wo Geist und Leib von aller Pflicht
von Kerkerqual und Ängsten ruht ...
Von aller Pflicht? Stirbt denn mit mir
der Krieg, das Unrecht und die Not?
Des Armen Sucht, des Reichen Gier -
sind sie mit meinem Ende tot?
Ich schwur den Kampf. Darf ich ihn fliehn?
Noch leb ich - wohlig oder hart.
Kein Tod soll mich der Pflicht entziehn -
und meine Pflicht heißt: Gegenwart!

Quelle: https://gedichte.xbib.de

Gesang der Intellektuellen

Erich Mühsam


Rr-r-revolution
macht man nur mit Liebe.
Weist den Hetzer von der Schwelle.
Nur der Intellektuelle
kennt das Weltgetriebe.

Unsre Überlegenheit
wird euch trefflich führen.
Wählt nur uns in eure Räte,
dann wird Liebe früh und späte
eure Seelen rühren.

Lieb den Bürger, Proletar,
denn dein Bruder ist er.
Und verdienst du ihm Millionen,
mag dich das Bewußtsein lohnen:
Ihr seid ja Geschwister.

Sammelt euch zum Klassenkampf
hinter unserm Schilde.
Läßt der Bourgeois euch hängen,
mit der Liebe Zauberklängen
stimmen wir ihn milde.

Aber kommt´s zum Bürgerkrieg
ja kein Blutvergießen!
Auf den Kolben jeder Flinte
schreibt mit roter Liebestinte:
Brüder, nur nicht schießen!

Folgt dem geistigen Führerrat
zu des Werkes Krönung.
Einerseits die rote Fahne,
anderseits die Buttersahne
lieblicher Versöhnung.

Rr-r-revolution
macht die Herzen schwellen.
Laßt die Freiheit uns errichten
mit den lyrischen Gedichten
der Intellektuellen.


Quelle: Der Loreleyerkasten

Geschonte Kraft

Erich Mühsam


Ihr Toren meint, der Kämpfer und Verächter
sei müde und besiegt ins Knie gesunken,
verlöscht sei seines Zornes heller Funken
vom rohen Fußtritt der Gesetzespächter.

Wahr ist's: er ballt die Fäuste nicht dem Wächter;
speit keinen Schimpf: ihr Mörder, ihr Halunken!
Und blößt nicht seinen Rücken martertrunken
den Geißelhieben unter Hohngelächter.

Ein stiller Mann. Und doch: ihr Toren irrt.
Er braucht sich seinen Mut nicht zu befeuern,
indem er laut mit seinen Ketten klirrt.

Im Gegenteil: bemüht, den Klang zu dämpfen,
wird ihm sein Eisen das Gelenk nicht scheuern,
und stark erhält er seinen Arm zum Kämpfen.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Jeden Abend werfe ich

Erich Mühsam

Jeden Abend werfe ich
eine Zukunft hinter mich,
die sich niemals mehr erhebt -
denn sie hat im Geist gelebt.
Neue Bilder werden, wachsen;
Welten drehn um neue Achsen,
werden, sterben, lieben, schaffen.
Die Vergangenheiten klaffen. --
Tobend, wirbelnd stürzt die Zeit
in die Gruft. -- Das Leben schreit!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

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