Erich Weinert

Samstag, 29. März 2014

LICHT IN DIE KÖPFE!

Erich Weinert


In der Straßenbahn, in der Mittagspause,
abends im Bette, sonntags zu Hause
nimmst du dir einen Schmöker zur Hand.
Den frißt du, wie du ein Gulasch frißt,
Und fragst nicht, wes Geistes Kind er ist:
Hauptsache: Er spannt!

Und wenn du deinen Roman gefressen,
dann hast du auf einmal alles vergessen,
die trockne Stulle, das kalte Ofenrohr.
Dann kommst du dir wie besoffen vor!

Du träumst dich in eine andere Welt
hinüber,
und freust dich, daß du dein Elend vergißt,
weil es doch mal eine Ablenkung ist!
Aber das ist ja der Zweck der Übung,
mein Lieber!
Die wickeln dich ein mit phantastischem
Zwirn
und träufeln dir Opium in das Gehirn.

Da gibt es zum Beispiel nette Geschichten,
wie die oberen Zehntausend ihr Leben
einrichten,
wo man am Schluß die Überzeugung gewinnt,
daß auch die Reichen nicht glücklich sind!

Oder sie schreiben Elendsromane
und gießen über deine Misere
ihrer letzten Weisheit tröstliche Sahne,
daß die Armut ein Glanz nach innen wäre.

Oder sie geben dir Kriegsgeschichten.
um Mord- und Blutinstinkte zu züchten,
damit du die nötige Stimmung hast,
wenn man dir wieder den Stahlhelm verpaßt.

Und so weiter. Das hat aber seinen Sinn!
Mein Junge, da liegt Methode drin!
Ja, die verstehen das Gifteinrühren,
um dein Gehirn zu narkotisieren.
Die wollen die Gegensätze vermanschen,
die wollen dein Klassenbewußtsein
verpanschen.

Die nennen sich immer unpolitisch.
Damit vernebeln sie deinen Blick.
Laß dich nicht damit besabbern, sei kritisch!
Kopf klar halten! Die Luft ist dick!

Ihr habt euch nicht mehr zu vertragen
mit einer Klasse, die euch verblendet,
damit sie ungestört eure Taschen
umwendet!
Lest Bücher, die euch die Wahrheit sagen!
Erfüllt euch wieder mit Stolz und Kraft
aus den Büchern der kämpfenden
Arbeiterschaft!
Licht in die Köpfe! Erkennt das Ziel!
Genossen, macht eure Hirne mobil!

Erich Weinert


Quelle: https://kucaf.de/

Donnerstag, 6. März 2014

Lied der Pflastersteine

Erich Weinert


Wir schliefen als kalter, toter Granit
Viele hunderttausend Jahre.
Da weckten sie uns mit Dynamit
Und machten uns zu Ware.

Der Kuli im Steinbruch stöhnte heiß.
Sein Meißel sprühte Funken.
Wir haben des Kulis Blut und Schweiß
In uns hineingetrunken.

Wir wurden in eine Straße gestampft.
Der Kuli stampfte uns ein.
Es tropfte sein Schweiß, er ist verdampft,
Doch das Salz zog in den Stein.

Dann haben wir alles tragen gemußt,
Karren und Luxuswagen.
Doch fühlten wir in der steinernen Brust
Das Herz des Kulis schlagen.

Und eines Tages dröhnte der Tritt
Von tausend Demonstranten.
Die Kulis sangen, wir klangen mit.
Unsre steinernen Stirnen brannten.

Da schlugen die Kugeln in unsre Stirn.
Es spritzten Dreck und Funken.
Es spritze des Kulis Blut und Hirn.
Wir haben das Blut getrunken.

Sie rissen uns aus der Straße heraus.
Da wurden wir Barrikaden.
Wir hörten die Kulis in Lärm und Braus
Ihre Gewehre laden.

Und wieder sind Dreck und Funken gespritzt.
Wir haben die lebenden Brüder
Mit unsren steinernen Leibern geschützt.
Wir schlugen den Angriff nieder.

Das Blut des Kulis hämmert im Stein,
Ist uns ins Herz geflossen.
Wir werden das Denkmal des Sieges sein
Auf dem Grabe unsrer Genossen!


Erich Weinert

Quelle: E.Weinert (Das Zwischenspiel)

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