Karl Kraus

Samstag, 23. November 2013

Das gute Gewissen

Karl Kraus


Ganz resolut, als ob's in Ordnung wäre,
verübt der Zeitungslump die Lumperei.
Kein Wertbestand, der ihm nicht einerlei,
das Schänden, scheint es, schafft die wahre Ehre.
Den ehrlichen Mann erfaßt ein Neid
vor dem guten Gewissen der Schlechtigkeit.


Karl Kraus

Quelle: https://gedichte.xbib.de

Dienstag, 29. Januar 2013

Immer feste druff!

Karl Kraus


Sie sahen nur das, was nicht geschehn,
und hörten nur das, was ihnen frommt.
Ich hab' schon am Anfang das Ende gesehn
und wußte, was nach dem Ende kommt.

Dies Volk, genährt mit Weltenhasse,
des Wahnes entbunden, der Lüge bloß,
sie stürzen mit Messern hinaus auf die Gasse
und gehn dort aufeinander los.

Und sollt' ich nun in die Zukunft schauen,
so würde der Horizont mir zu eng.
Denn wieder seh' ich das alte Grauen
und höre das alte Schnedderedeng.

Sie werden die Welt gegebenen Falles
verwandeln ins unentbehrliche Feld.
Denn dieses geht Deutschland doch über alles,
über alles doch in der Welt.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 7. Januar 2013

Absage

Karl Kraus


Wo die Maschine mit dem Menschen rauft,
wo Blutverlust bedeutet Geld-Erraffen,
wo Hunger herrscht und Reichtum Nahrung kauft –
mit solcher Menschheit hab' ich nichts zu schaffen!

Wo Männer ächten, was sie selbst begehrt,
und wo die Sinne zu der Sünde finden,
wo Liebe Schmach bringt und Natur entehrt –
mit solcher Mannheit kann mich nichts verbinden!

Wo Freigeborne jedem Schall und Schein
gehorchen, ewiger Menschenfurcht verschworen,
um als Tyrannen Sklaven noch zu sein,
in solchen Reichen hab' ich nichts verloren.

Wo Druck in jeder Form die Geister lähmt
und wo die Phrase sich von selbst entzündet,
wo Technik sich dem Tode anbequemt,
in solcher Welt ist nicht mein Glück begründet.

Wo fauler Zauber allen Lebens Zweck
dem schnöden Mittel heimlich längst vermietet,
wie sehn' ich mich aus dieser Wohnung weg,
in der ein Besen mir die Stirne bietet!

Wo Willkür, Wucher, Krankheit, Haß und Schmutz
als die Verbündeten des Schlachtruhms schalten,
da will ich kühn dem Vaterland zum Trutz
mich für den allergrößten Feigling halten!

Wo Wissenschaft den Heldentod erfand,
in Gift und Gas die Glorie sich erneuert,
da hat sich mir das teure Vaterland,
denn Krieg ist Krieg, bedeutend noch verteuert.

Wo statt der Glocken die Kanonen nun
die frommen Christen zum Gebete rufen,
mit solchen hat der Teufel nichts zu tun,
da sie auf Erden schon die Hölle schufen.

Wo Ehre fällt und Schande aufwärts steigt
und heute gilt, wer gestern erst gestohlen –
gern hätt' ich Jenem doch den Weg gezeigt,
daß er mir könnte diese Ordnung holen!

Wo sie vor jedem Sonnenuntergang
durch Wort und Tat ihr Seelenheil verfluchen –
mein Leben und mein weiteres Leben lang
hab' ich bei dem Gelichter nichts zu suchen!



Quelle: https://www.textlog.de

Dienstag, 17. Juli 2012

Kriegsberichterstatter

Karl Kraus


Wie? Es gibt Krieg? Wir wissen es von solchen,
die noch ihr dreckiges Ich haben, das erzählt,
in welcher Stimmung sie den Krieg besichtigt?
Ein Schlachtroß fand' es unter seiner Würde
mit seinem linken Hinterhuf die Krummnas'
von sich zu stoßen – und die oben sitzen,
empfangen sie, und stehn ihr Red' und Antwort,
verköstigen an ihrem eigenen Tisch
den Auswurf? Wie, war das Ereignis denn
nicht stark genug, den innern Feind zu schlagen?
Er dringt zur Front, macht sich ums Blatt verdient?
Stellt uns den Krieg vor, stellt sich vor den Krieg?
Er wird nicht untergehn? Er lebt? Er dient nicht?
Nicht exerzieren müssen die Gemeinen?
Ist es ein Krieg? Ich denk', es ist der Friede.
Die Bessern gehen und die Schlechtem bleiben.
Nicht sterben müssen sie. Sie können schreiben.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 19. Dezember 2011

Mein Widerspruch

Karl Kraus


Wo Leben sie der Lüge unterjochten,
war ich Revolutionär.
Wo gegen die Natur sie auf Normen pochten,
war ich Revolutionär.
Mit lebendig Leidendem hab ich gelitten.

Wo Freiheit sie für Phrase nutzten,
war ich Reaktionär.
Wo Kunst sie mit ihrem Können beschmutzten,
war ich Reaktionär.
Und bin bis zum Ursprung zurückgeschritten.



Quelle: https://www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/politische_gedichte.php

Samstag, 8. Oktober 2011

Tango

Karl Kraus


Nichts trägt das Erinnern
den Kriegsgewinnern.

Alles fiel zu Gefallen
Hyänen, Schakalen.

Die Krone, die Leiche
dem Totentanz weiche.

Parfüm für die Nase
aus giftigem Gase.

Nach Leben sich sehnen
Schakale, Hyänen.

Hinweg, was gewesen.
Es tanzen Prothesen.


Quelle: Tango mortale, Groteske Gedichte von Wedekind bis Brecht

Samstag, 9. Juli 2011

Der sterbende Soldat

Karl Kraus


Hauptmann, hol her das Standgericht!
Ich sterb' für keinen Kaiser nicht!
Hauptmann, du bist des Kaisers Wicht!
Bin tot ich, salutier' ich nicht!

Wenn ich bei meinem Herren wohn',
ist unter mir des Kaisers Thron,
und hab' für sein Geheiß nur Hohn!
Wo ist mein Dorf? Dort spielt mein Sohn.

Wenn ich in meinem Herrn entschlief,
kommt an mein letzter Feldpostbrief.
Es rief, es rief, es rief, es rief!
Oh, wie ist meine Liebe tief!

Hauptmann, du bist nicht bei Verstand,
daß du mich hast hierher gesandt.
Im Feuer ist mein Herz verbrannt.
Ich sterbe für kein Vaterland!

Ihr zwingt mich nicht, ihr zwingt mich nicht!
Seht, wie der Tod die Fessel bricht!
So stellt den Tod vors Standgericht!
Ich sterb', doch für den Kaiser nicht.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Mittwoch, 11. Mai 2011

An den Bürger

Karl Kraus


Daß im Dunkel die dort leben,
so du selbst nur Sonne hast;
daß für dich sie Lasten heben,
neben ihrer eignen Last;
daß du frei durch ihre Ketten,
Tag erlangst durch ihre Nacht:
was wird von der Schuld dich retten,
daß du daran nie gedacht!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Dienstag, 26. Januar 2010

Christentum

Karl Kraus

Seelsorger nennen sich die Pfaffen,
denn sie preisen die Presse und segnen die Waffen.
Jubilate!
Und schon dies mag auf Erden zum Trost euch
gereichen:
Giftgase tragen das Kreuzeszeichen,
und Textinserate.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Der große Betrug

Karl Kraus


Ein Stahlbad, sagten sie, sei der Krieg,
ein wahrer Krafterneuerer.
Da war bis zum unabwendbaren Sieg
uns das Vaterland täglich teurer.

Wir haben ihm Gut und Blut gezollt,
um dies Gefühl zu beweisen.
Bald kam die Zeit, wo man uns für Gold
nur Dreck gab und kein Eisen.

Sie haben uns den Magen genährt
mit dem Trost der besseren Zeiten.
Bis dahin konnten sie ungestört
ein Diebstahlbad sich bereiten.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Impressum/Kontakt

Suche

 

Menü

Sozialkritische Gedichte

twoday.net

Lesestoff







Jürgen Friedrich Weissleder, Jana Ramm
TAGESdosen & pfandZEITEN

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB

Blogverzeichnis Blog Button Blogverzeichnis

Web Counter-Modul


(Alfred Henschke) Klabund
Ada Christen
Adinda Flemmich
Adolf Friedrich von Schack
Adolf Glaßbrenner
Adolf Schults
Albin Zollinger
Albrecht von Haller
Alexander Alexandrowitsch Blok
Alexander Puschkin
Alfons Petzold
Alfred Lichtenstein
Annette Droste-Hülshoff
Anton Alfred Noder
Arno Holz
Attila József
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
development