Ludwig Eichrodt

Montag, 30. März 2009

Social-Lyrik

Ludwig Eichrodt


In dem schwülen Erdgeschosse,
Sitzt die kranke Nähterin,
Eine Arbeit auf dem Schooße
Für die kalte Herzogin.
Zwanzigmal ist schon der Faden
Ihr gerissen diese Stund’,
Den sie aus des Bourgeois’ Laden
Kaufte, abgespart dem Mund.

Ohne Nahrung vierzehn Tage,
Vierzehn Nächte saß sie da,
In verzweiflungsvoller Lage,
Ohne daß sie Jemand sah!
Ihre armen Siebensachen
Sind von Thränen schmutzignaß,
O, es ist dieß nicht zum Lachen,
O, es ist zum Weinen das!

Da erscheint mit rothem, feisten
Angesicht der Miethsherr wild:
Zahlung soll sie heut’ noch leisten,
Zahlen, dieses Engelsbild!?
Seht, wie sie mit dürren Händen
Klammert sich um seinen Bauch:
Lassen’s Sie’ s nur heut’ bewenden!
Doch sie tritt der schnöde Gauch.

Und an diesem rohen Tritte
Bricht der Wimmernden das Herz;
Menschlich war doch ihre Bitte,
O, Tyrann, kennst du den Schmerz?
Ohne Blumen, ohne Lieder
Wurde sie bei Nacht verscharrt,
Doch das Scheusal grinste bieder
In der Menschen Gegenwart.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Lyrisch Roth - 2. Revolutzlich

Ludwig Eichrodt


Ade, ihr Biedermänner,
Die Blut, ein Tropfen, schreckt!
Kein Gott hat noch im Jänner
Den Frühling auferweckt.
Es gilt ein Aderlassen,
Einen Tummelplatz der Wuth,
Es werden alle Gassen
Strombette für das Blut!

Heran die Guillotine,
Heran das Beil des Volks;
Dein Heil, damit es grüne,
Proletariat verfolg's!
Der Strahl des Völkerlenzes
Bricht in die Nacht herein,
Ha, panem et circenses!
Nachtmahl von Brod und Wein!

Der Herrscher Vielerleiheit
Thut nun und nimmer gut;
Wohlan! die Braut heißt Freiheit;
Der Bräutigam heißt Blut.
Und Priester sind die Henker
Und Altar das Schaffot,
Jahrhundert du der Denker
Begrabe deinen Gott!

Den Samen der Betrüger
Verweht das Sturmgebraus –
Ihr aber, neue Pflüger,
Streut andern Samen aus.
Ihr wühlt mit freiem Pfluge
Und mit dem Roß der Wuth,
Und Euer Arnold Ruge
Jahrbücher schreibt mit Blut.




Quelle: https://gedichte.xbib.de

Weltschmerz

Ludwig Eichrodt


(Krummnasig.)

Ich habe die Heimath durchflogen,
Ich bin in die Ferne gefloh'n.
Ich habe die Meere durchzogen,
Was habe ich nun davon?

Ich folgte den Stimmen des Herzens
Mit ihrem Sirenenton,
Durchwühlte die Luft des Schmerzens,
Was habe ich nun davon?

Ich habe mir Freuden und Leiden
Im Liede verkläret, ein Sohn
Der Zeit – und wurde bescheiden,
Was habe ich nun davon?

Ich habe geholfen, vertrauet,
Ich heischte nicht Dank, nicht Lohn;
Ich hab' auf den Himmel gebauet!
Was habe ich nun davon?

Ich habe der Weisheit gelauschet
Der Weisen der Nation,
Ich habe den Geist mir berauschet –
Was habe ich nun davon?



Quelle: https://gedichte.xbib.de

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