Max Herrmann-Neisse

Donnerstag, 14. März 2013

Der teuflische Sirenenton

Max Herrmann-Neisse


Hastig leer gegessen wird der Teller,
bleibt die Abendrast noch ungestört,
doch bald kriecht man wieder in den Keller,
wenn man die Sirene heulen hört,

dieses unnatürlich grelle Heischen,
Jägerhatz, vor der dem Opfer graut,
böses, nervenpeinigendes Kreischen,
gleich dem tierisch gottverlassnen Laut,

der mich aus dem Kinderschlaf einst schreckte,
als ich scheu im Hemd zum Fenster sprang
und am Weg das irre Weib entdeckte,
das der Wärter in den Wagen zwang.

Aufbewahrt in des Bewußtseins Grunde
blieb mir dieser Mißton all die Zeit,
bis ihn jetzt zur unglückseligen Stunde
größren Wahnes Stimme überschreit.

Eine ganze Menschheit kam von Sinnen,
Aberwitz trübt ganzer Welten Geist;
lange Unzeit muß vielleicht verrinnen,
ehe sich ein Weg ins Lichte weist,

und wenn jetzt mit panisch irrem Klagen
die Sirenen über Land und Meer
jedes Leben aus dem All verjagen,
liegt die Erde wieder wüst und leer.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Max Herrmann-Neisse

Freitag, 14. September 2012

Rast auf der Flucht

Max Herrmann-Neisse


Laß mich das Leben noch schmecken,
eh die Vernichtung uns trifft:
Gaskrieg, Marter, Verrecken,
Bombe, tückisches Gift.
Sommerlich sind noch die Stühle
auf die Straßen gestellt,
Bilder, Farben, Gefühle,
Schmuck einer glücklichen Welt.
Gönne mir noch diesen weichen,
kindlich verspielten Genuß,
morgen vielleicht trifft zur gleichen
Zeit mich der tödliche Schuß.
Heut noch an Springbrunnen träumen
in den tönenden Tag,
sich an das Schöne versäumen
kurz vor dem Glockenschlag,
der das alles beendet,
dem letzten, den man vernimmt.
Was das Geschick dann sendet,
werde, wie es bestimmt.
Heut laß zum letzten Male
arglos und froh mich hier sein,
fülle die gläserne Schale
mir mit Abschiedswein!
Wird sie geleert zerscherben,
war ich doch göttlich zu Gast.
Gönne vor Kampf und Sterben
mir diese lindernde Rast!



Quelle: Gedichte gegen den KRIEG, Kurt Fassmann, Zweitausendeins

Max Herrmann-Neisse

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