Richard Dehmel

Montag, 4. Februar 2013

Der Pirat - I.

Richard Dehmel

Nach José de Espronceda.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht eine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,
auf allen Meeren er gekannt
von einem bis zum andern Strand,
der "Hai" getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
sitzt singend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
und sitzt und singt und schwenkt den Hut:

"Fliege, mein Segler du, fliege,
unverzagt;
fliegst und segelst zum Siege!
Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,
der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,
weil dein Herr sein Leben wagt!
Zwanzig Prisen
haben wir gemacht,
haben die Staatsmützen
ausgelacht;
hundert Nationen
liegen und grüßen hier
mit ihren Flaggen
zu Füßen mir.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

"Könige streiten dadrüben
in blinder Gier
um ein paar Aecker Rüben.
Sehet, ich lache! Meine Gefilde
reichen, soweit das weite wilde
Meer entrollt sein frei Pannier.
Da ist kein Wimpel,
wie er auch glänze,
da keine Küste,
wo sie auch grenze,
die nicht Salut gethan
meinem Geschlecht,
die nicht erkannten
mein Hoheitsrecht.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 18. Februar 2012

Seitenhiebe

Richard Dehmel


Manch Gebilde und Getön
ist wahrhaftig nicht mehr schön,
ist auch nicht etwa gewöhnlich,
ist nur - schönlich.

Wenn ihr nur stets dieselbe Fistel kräht,
zuletzt heißt’s doch Originalität
Und macht ihr euch auf euerm Mist
recht breit, dann heißt es gar Persönlichkeit.

Einst wird kein Hahn mehr danach krähn,
heut gackert’s von Paris bis Schweden.
So laßt uns denn nicht länger schmähn,
laßt uns schon jetzt von Besserm reden!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Sonntag, 5. Februar 2012

Zweierlei Treiben

Richard Dehmel


"Dir selbst entrinnen:
wohin und wie?
Kommst nie von hinnen,
zum Ziele nie.

Laß dich doch gehen,
laß dich treiben;
lerne dich drehen,
lern oben bleiben!"

Treiben - gut!
nach dem Gesetze:
Ich bin die Flut,
ihr seid die Klötze.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 11. Juni 2011

Predigt ans Großstadtvolk

Richard Dehmel


Ja, die Großstadt macht klein.
Ich sehe mit erstickter Sehnsucht
durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;
und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen
seines Kiefern- und Eichen-Forstes
wie ein Zaubermeister ausnimmt,
ist zwischen diesen prahlenden Mauern
nur ein verbauertes altes Männchen.
O laßt euch rühren, ihr Tausende!
Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht
zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen
wie einen ungeheuren Heerwurm
den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;
dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal
und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.
Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
sie wurzeln fest und lassen sich züchten,
und jeder bäumt sich anders zum Licht.
Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,
euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern -
so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!
vorwärts! rückt aus! -


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Freitag, 28. Januar 2011

Die Armen

Richard Dehmel

Nach Emile Verhaeren

Sie sind so, diese armen Herzen,
ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen,
blaß und wie Teiche voll Geweine:
rings Leichensteine.

Sie sind so, diese armen Rücken,
verkrümmt vom Tragen und vom Bücken,
krummer als auf den Dünenhütten
die Dach schütten.

Sie sind so, diese armen Hände,
zittrig wie Gräser im Gelände,
wie dürre Gräser, die zittern
vor nahen Gewittern.

Sie sind so, diese armen Augen,
die nur zu Dienst und Demut taugen,
trauervoller als die von Tieren,
wenn sie nach Freiheit stieren.

So sind sie, diese armen Leute;
dem Elend fallen sie zur Beute
mit lammgeduldiger Geberde,
rings auf der freien Flur der Erde.




Quelle: https://gedichte.xbib.de

Fachmenschen

Richard Dehmel


Virtuosen von Fach:
die schöneren äffen Stile nach,
während die mehr wahren
einen eignen Unstil offenbaren.

Dilettanten von Fach:
die blöden beten der Unnatur nach,
während die dreistern
die Natur schulmeistern.

Rezensenten von Fach:
die törichten sagen der Kunst was nach
Während die hochwohlweisen
die Unkunst preisen.

Wer solchen Menschen kann verzeihn,
der muß ein wahrer Unmensch sein.




Quelle: https://gedichte.xbib.de

Sonntag, 1. Februar 2009

Traurige Wahrheit

Richard Dehmel


"Du bester Mensch, den’s giebt,
willst von der Menschheit lassen?"
Ach, wer die Menschheit liebt,
der lernt die Menschen hassen.


Quelle: ( https://gedichte.xbib.de )

Donnerstag, 22. Januar 2009

Fatalitäten

Richard Dehmel


Die misera plebs begreift es nie:
wer für sie kämpft, ist wider sie.

Hebt nur die Staatsgewalt, ihr Memmen oben!
Ihr hebt so lange, bis sie aufgehoben.

Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven;
Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Das Spiel der Welt

Richard Dehmel


1. Dialog:
Die Seele sprach zur Welt:
Du machst dich viel zu wichtig.
Dein Spiel ist ohne mich
im Grunde null und nichtig.

Zur Seele sprach die Welt:
Das ist im Grunde richtig.
Das Spiel machst du, nicht ich;
drum ist es gründlich nichtig.

2. Moral:
Die Seele macht sich gern
mit ihrer Welt zu wichtig;
Weltseele muß man sein,
dann macht man Alles richtig.

3. Kritik:
Das ist ein schlechter Spaß;
du hältst die Welt zum Narren
und rätst ihr obendrein
zu deinem eignen Sparren.

4. Antikritik:
Das ist kein schlechter Spaß,
ich hab gar gut erfahren:
wo Weisheit ratlos steht,
ist Narrheit flugs im Klaren.

5. Supermoral:
Die Seele mahnt sich stets:
sei endlich ganz und tüchtig!
so bleibt sie ewig halb
weltsüchtig, halb weltflüchtig.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Scheinkunst

Richard Dehmel


Bild und Unbild: Bild der Züge,
aber Bild der Seele nicht,
und die Wahrheit wird zur Lüge,
weil Berechnung aus ihr spricht.

Schein statt Wesen nimmt sie wichtig;
Punkt für Punkt und Strich an Strich,
alles Einzelne ist richtig,
aber nie vereint es sich.

Und so gibt sie statt Gestalten
allerhand Geberden nur,
die viel Studium enthalten,
aber Leben keine Spur.

Statt Natur zu offenbaren,
ist’s ein schulgerecht Verfahren,
Wahrheit nach dem A-B-C -
ach, ihr tut mir leid und weh!




Quelle: https://gedichte.xbib.de

Impressum/Kontakt

Suche

 

Menü

Sozialkritische Gedichte

twoday.net

Lesestoff







Jürgen Friedrich Weissleder, Jana Ramm
TAGESdosen & pfandZEITEN

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB

Blogverzeichnis Blog Button Blogverzeichnis

Web Counter-Modul


(Alfred Henschke) Klabund
Ada Christen
Adinda Flemmich
Adolf Friedrich von Schack
Adolf Glaßbrenner
Adolf Schults
Albin Zollinger
Albrecht von Haller
Alexander Alexandrowitsch Blok
Alexander Puschkin
Alfons Petzold
Alfred Lichtenstein
Annette Droste-Hülshoff
Anton Alfred Noder
Arno Holz
Attila József
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
development