Sonntag, 30. Oktober 2011

Den Müttern (1917)

Ernst Toller


Mütter,
Eure Hoffnung, Eure frohe Bürde,
Liegt in aufgewühlter Erde,
Röchelt zwischen Drahtverhauen,
Irret blind durch gelbes Korn.
Die auf Feldern jubelnd stürmten,
Torkeln eingekerkert, wahnsinnsschwärend,
Blinde Tiere durch die Welt.
Mütter!
Eure Söhne taten das einander.

Grabt Euch tiefer in den Schmerz,
Lasst ihn zerren, ätzen, wühlen,
Recket gramverkrampfte Arme,
Seid Vulkane, glutend Meer:
Schmerz gebäre Tat!

Euer Leid, Millionen Mütter,
Dien als Saat durchpflügter Erde,
Lasse keimen
Menschlichkeit.

Aus: Vormorgen,Potsdam, Gustav Kiepenheuer Verlag, 192

Quelle: https://www.fredsakademiet.dk/read/sprog/tysk/index.htm

An Deutschland

Charles Hamilton Sorley


Auch ihr seid blind wie wir. Denn keiner sann
Euch Unheil, gierte je nach eurem Land.
Doch in des eignen Raums und Denkens Bann
Hintaumeln wir in blindem Unverstand.
Ihr saht nur eure Zukunft unverwandt,
Und wir des eignen Wollens steilen Plan -
So stehen wir uns im Weg und, haßentbrannt,
Fall´n wir, Verblendete, uns tödlich an.

Wenn Friede ist, erst dann lischt Trug und Schein;
Dann schaun wir uns´re wahrere Gestalt
Verwundert, und, Versöhnte, reichen bald
Wir uns die Hand und lachen alter Pein -
Wenn Friede ist. Bis dahin herrscht Gewalt,
Wird Sturm und Finster, Flut und Donner sein.



Quelle: Gedichte gegen den Krieg, Herausgegeben von Kurt Fassmann bei ZWEITAUSENDEINS

Dienstag, 25. Oktober 2011

Die schlesischen Weber

Heinrich Heine


Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
"Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Götzen, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!"



Qelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 24. Oktober 2011

Den Toten der Revolution

Ernst Toller


Todgeweihte Leiber
trotzig gestemmt
Wider den Bund
der rohen Bedränger,
Löschte Euch Schicksal
mit dunkler Gebärde.
Wer die Pfade bereitet,
stirbt an der Schwelle,
Doch es neigt sich vor ihm
in Ehrfurcht der Tod.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 8. Oktober 2011

Tango

Karl Kraus


Nichts trägt das Erinnern
den Kriegsgewinnern.

Alles fiel zu Gefallen
Hyänen, Schakalen.

Die Krone, die Leiche
dem Totentanz weiche.

Parfüm für die Nase
aus giftigem Gase.

Nach Leben sich sehnen
Schakale, Hyänen.

Hinweg, was gewesen.
Es tanzen Prothesen.


Quelle: Tango mortale, Groteske Gedichte von Wedekind bis Brecht

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Morgentöne

Paul Scheerbart


Guten Morgen! schreit das Menschentier;
Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier.

Guten Morgen! schreit auch der Tyrann;
Früh fängt Er zu regieren an.

An den Weltrand will ich heute gahn;
Dort will ich einmal Fliegen fahn.

Guten Morgen! schreit der Kriegersmann;
Ach, der ist immerzu im Tran.

Guten Morgen! schreit man dort und hier;
Und meine Uhr schlägt schon halb vier.

Und mancher Schuft trinkt jetzt noch Bier;
Guten Morgen! schreit das Menschentier.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Dienstag, 27. September 2011

Mein Schicksal, schaff mir Raum

SÁNDOR PETŐFI


Mein Schicksal, schaff mir Raum, sinnvoll zu leben,
zu wirken für der Menschheit Wohl!
Weh mir, wenn ungenutzt die reine Flamme,
die in mir brennt, verlöschen soll!

Mag diese Flamme mich auch ganz verzehren,
vom Himmel ward sie mir zuteil.
Mit jedem Schlage fleht mein Herz inbrünstig
um aller Menschen Glück und Heil.

Doch fleht's nicht nur darum mit leeren Worten,
nein, all mein Tun sei der Beweis,
wär auch ein neues Kreuz für diese Taten,
ein neues Golgatha mein Preis.

Ja, für der Menschheit Glück gäb ich mein Leben,
der schönste Tod wär dies, fürwahr!
Gern möcht ich alles dafür geben,
den höchsten Rausch der Lust sogar!

Schicksal, versprich es mir, daß ich so sterbe!
Gern richt ich auf mit eigner Hand
das heilige Marterholz, daran mich kreuzigt
der Menschheitsfeinde Unverstand.


Quelle: https://mek.oszk.hu/01000/01008/01008.htm

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