Freitag, 27. April 2012

Der Bundestag

Harro Harring


In Frankfurt, da sitzt der deutsche Bund
Und macht Verbote auf Verbote kund!

Das wird dem deutschen Bund recht schwer –
Denn er findet gar wenig zu verbieten mehr.

Drum stöbert er emsig in jedem Mist,
Wenn nur irgend was drin zu verbieten ist.

Und nächstens wird er mächtig schrei’n:
Es darf in den Straßen kein Pflaster sein!

Denn so lang’ das Volk auf’m Pflaster geht;
Eine Waff’ ihm noch zu Gebote steht.

Ein gefährlich’ Ding; - so’n Pflasterstein!
Drum muß das Pflaster verboten sein!

Der Bundestag fürchtet sich sehr vor’m Tod,
Drum arbeitet er – an dem Pflaster-Verbot.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 10. März 2012

Dem Kampf entgegen

Clara Müller-Jahnke



So schlaf in Frieden, armes Lamm . . .
Laß einsam mich auf steinigen Wegen
im Straßenstaube fürbaß ziehn
des Tages großem Kampf entgegen.

Es geht ein Brausen durch die Luft
wie eines starken Sturmes Wehen:
Aus Trümmern tausendjährigen Wahns
will eine neue Welt erstehen.

Des Wertes Wage schwankt nicht mehr,
schon neigt sich tief die goldene Schale -
des neuen Glaubens Märtyrer
empfingen ihre Wundenmale.

In deinem Tempel knieen sie,
von Schmerz durchloht und edlem Grimme,
du dreimal heilige Natur,
und hören der Verheißung Stimme:

»Raum hat die Erde allerwärts,
der Himmel Luft für Millionen -
der Aermste soll auf eigenem Grund
im Schatten seines Daches wohnen!

Und trinken soll mit vollem Zug,
wer nach dem Born der Wahrheit dürstet, -
und wem der Geist die Krone reicht,
die göttliche, der sei gefürstet!

Fortan soll keine Mutter mehr
ihr Kind in tausendfachen Schmerzen
verleugnen müssen, das sie trägt
in heiligster Liebe unterm Herzen.

Das reine Antlitz der Natur,
wer wagt, mit Schmach es zu bewerfen? -
Das Schwert der siegenden Vernunft,
zum letzten Kampfe sollt ihr's schärfen! -«

Und glühend stürmen sie zum Streit,
laut gellend schreit die Schlachttrompete, -
hoch über ihren Häuptern flammt
des neuen Tages Morgenröte.

Aus Ketten schmieden sie den Stahl,
von Herzblut rot die Banner wehen . . .
Mich aber laßt mit nackter Brust
in ihren ersten Reihen stehen!



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Freitag, 2. März 2012

Von wegen Ehrensold

Falderwald


Ein seltsames Moralgespinst
schwebt über dieser Republik,
charakterlos und schäbig grinst
es aus der Bundeswurstfabrik.

Da schuftet Mutti vierzig Jahre
für kleine Rente sich fast tot
und schafft es bis zur letzten Bahre
mal eben so mit Müh und Not.
Bei Bonzen, Schlipsen und Bebrillten
bekommt jedoch ein Lügenbold,
den Staatsanwälte schließlich killten,
für seine Taten Ehrensold.

Zweihunderttausend Euroehren,
pro Jahr, versteht sich, selbstverständlich.
O Herz, was willst du mehr begehren,
die "Kumpels" zeigen sich erkenntlich.
Zwar haben Bürger keine Rechte
bei Bundespräsidentenwahlen,
doch müssen sie als Steuerknechte
auch die Versager ausbezahlen.

Herr Wulff ist endlich abgetreten,
doch wäre er ein Ehrenmann,
so hätte er sich das verbeten
und nähm den Ehrensold nicht an.
Denn Ehre muss man sich erwerben,
das ist das oberste Gebot,
doch jede Würde scheint zu sterben
in Aussicht auf ein Gnadenbrot.


Quelle: https://www.gedichte-eiland.de

Mittwoch, 29. Februar 2012

Der Schrei

Gustav Sack


Aus dieser steingewordenen Not,
aus dieser Wut nach Brunst und Brot,

aus dieser lauten Totenstadt,
die sich mir aufgelagert hat

härter als Erz, schwerer als Blei,
steigt meine Sehnsucht wie ein Schrei

quellend empor nach Meeren und Weiten
und ungeheuren Einsamkeiten,

aus all dem Staub und Schmutz und Gewimmel
nach einem grenzenlosen Himmel.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 18. Februar 2012

Seitenhiebe

Richard Dehmel


Manch Gebilde und Getön
ist wahrhaftig nicht mehr schön,
ist auch nicht etwa gewöhnlich,
ist nur - schönlich.

Wenn ihr nur stets dieselbe Fistel kräht,
zuletzt heißt’s doch Originalität
Und macht ihr euch auf euerm Mist
recht breit, dann heißt es gar Persönlichkeit.

Einst wird kein Hahn mehr danach krähn,
heut gackert’s von Paris bis Schweden.
So laßt uns denn nicht länger schmähn,
laßt uns schon jetzt von Besserm reden!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Donnerstag, 9. Februar 2012

Menschenwerth

Max Vogler


Nicht, was Du bist
Durch Verstand und List,
Was Dein Besitz
An Weisheit und Witz,
Was an Dich fällt
Vom Gut der Welt,
Nicht, was Du kannst,
Was Du gewannst
An Orden und Würden
Und anderen Bürden,
D'rum Dich mit Schmeicheln
Die Menschen umheucheln,
Sich bücken und neigen
Und freundlich Dir zeigen,
Nicht, wie Dein Gewand
Und der Ring an der Hand,
Nicht die Kleider von Sammt,
Nicht Beruf, noch Amt,
Nicht Geschick und Kunst,
Noch Glück und Gunst,
Nicht Leibesgstalt
Und Macht und Gewalt,
Nicht Ruhmeslicht,
Selbst die Krone nicht,
Die das Haupt Dir schmückt
Und vielleicht auch drückt,
Giebt unversehrt
Dir Menschenwerth. —
Wie das Herz Dir schlägt,
Was Dich bewegt

Mit warmem Gefühle
In des Marktes Gewühle,
Was in Dir ruht
Im Gemüth und Blut,
Was Du hältst und hegst
Und willst und wägst,
Was in Dir erblüht
Und drängt und glüht,
Was tief in Dir
Als der Seele Zier,
Was Du sinnst und denkst,
Wohin Du lenkst
Mit Deinen Gedanken
Ohne Schwanken und Wanken,
Im lebendig entfachten
Dichten und Trachten:
Nach tändelnden Spielen, —
Nach herrlichen Zielen,
In Geistessaaten
Unsterblicher Thaten,
Dich innig bewegend,
Die Menschheit segnend
In friedlicher Weile
Mit ewigem Heile, —
Das giebt Dir den Werth,
Und macht Dich verehrt
Den Ehrenfesten,
Den Edlen und Besten,
Und sie grüßen Dir zu —
Denn das bist Du!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Prahle nicht!

Max Vogler


Prahle nicht mit deiner Schönheit!
Denn du weißt wohl, wie viel Blüthen
Noch bevor der Sommer nahte
Schon verwelkten und verglühten!

Prahle nicht mit deinem Reichthum!
Denn wie oft ward er entrissen
Denen, die mit leerer Seele
Ihn nun bitter, bitter missen!

Prahle nicht mit deiner Klugheit!
Denn sie kann ja nicht durchdringen
Alle Höhen, alle Tiefen
Und die rechte Wahrheit bringen!

Prahle nicht mit deinem Mitleid,
Das zum Wohlthun auserlesen!
Was du dem Bedrängten thatest
Ist nur deine Pflicht gewesen!

Prahle nicht mit deiner Reinheit,
Die so frei von jedem Fehle!
Du hast manches wohl verschuldet,
Weiß es auch nicht deine Seele!

Prahle nicht mit deinem Hochsinn,
Der das Rechte stets erstrebe!
Darum ward ihm die Vernunft ja
Daß der Mensch nur menschlich lebe!

Prahle nicht mit deinem Glück du,
Das die Seele dir umfangen!
Denn wir bleiben immer Staub nur,
Schweben zwischen Hangen, Bangen!

Prahle nicht! doch wenn dein Geist dir
Festen Sinn im Kampf bescheerte,
Darfst du rufen: Ich bin reicher,
Reicher, als die ganze Erde!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

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