Samstag, 23. Juni 2012

Mit reinem Herzen

Attila József


Hab‘ keinen Vater, keine Mutter,
keinen Gott und keine Heimat.
Keine Wiege, keine Bahre,
keine Küsse und keine Liebste.

Den dritten Tag schon esse ich nicht,
weder viel noch wenig,
zwanzig Jahre, die ich mein eigen nennen kann,
biete ich zum Verkauf nun an.

Meine zwanzig Jahre biet' ich feil,
wenn sie keiner will,
ich damit zum Teufel eil'...
Mit reinem Herzen breche ich ein,
würde sogar töten, müsst es sein.

Sie jagen mich - sie fangen mich
und hängen mich zur Strafe auf.
Danach schütten sie mein Grab
mit gesegneter Erde auf -
todbringendes Gras wächst dann
auf meinem reinen Herzen drauf.


Quelle: https://ksz-gedichte.de/texte/werke/attila/attila.html

Mittwoch, 6. Juni 2012

Die Menschenbestie ist nun nie zu zähmen

Emerenz Meier


Die Menschenbestie ist nun nie zu zähmen,
Ob sie im Frack, ob sie im Drillich steckt,
Doch weiß sie schöne Mäntel umzunehmen,
Wenn etwas ihre Lüsternheit erweckt.
Daß Frommeln nicht, noch Aufklärung sie hemmen,
Daß weder Hölle sie noch Himmel schreckt.
Das ist noch lange nicht zur Mär geworden,
Man weiß, die Menschenbestie liebt zu morden.

Der Rasende im Kampf, der seinen Degen
Bohrt in des Gegners Brust, wird hart bestraft.
Mit Recht noch härter, wer auf Mörderwegen
Des Nächsten Habe oder Weib errafft.
Den Tod verdienet, wer der Menschheit »Segen«,
Die »Allerhöchsten« ihr vom Halse schafft,
- Tyrannen oder nicht -, trotz allem Schaden,
Von Gottesgnaden ist von Gottesgnaden.

Doch hinterm grünen Tische die Seigneure,
So hoch gebildet, so durchaus verfeint,
Vom Lackschuh bis zur Glatze eitel Ehre,
Den Frack voll Orden, doch das Herz versteint,
Leicht tänzelnd unter des Berufes Schwere,
Der sonst ja nichts an Eigenglück verneint,
Nach diesen Bestien laßt uns einmal spüren!
Die schlimmsten nämlich sind, die kalkulieren.

Spielt um den Globus ein beringter Finger,
Dröhnt's vor dem Stuhle aus besternter Brust.
Die Presse säuselt, saust, wird zum Bezwinger
»Ermanne Adel dich! Du Pöbel, mußt!«
Der Hellste selbst wird da zum Fahnenschwinger,
Zu Orgien schwillt der Patrioten Lust
Dem blut'gen Kalbe opfern die Nationen,
Und auf dem Schlachtfeld sterben Millionen.

Ja, schön ist es fürs Vaterland zu sterben,
Ob gut - kein Toter ward bis jetzt befragt.
Gut aber ist es für des Krieges Erben,
Wenn nicht für allzuviel Pension man klagt.
Die große Masse mag noch lang verderben,
Der letzte Heller wird ihr abgezwackt,
Doch darf sie jubelnd an des Thrones Stufen,
Am Sieggedenktag »Hoch« und »Vivat« rufen.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 28. Mai 2012

Ich sah das Land

Harro Harring


Ich sah das Land, das wachsende, der Knechte,
Wo Tyrannei in schnöder Willkür wühlt
Wo zur Entwürdigung der heil’gen Rechte
Der Großen Plan auf innern Tod nur zielt –
Ja, wo zur Schmach dem göttlichen Geschlechte
Der Mensch um seine Brüder Karten spielt.
Nicht Sklave mehr; entseelt ist zur Maschine
Der Mensch, dass er der wilden Laune diene.

Ich sah die Schurken groß in Fürstensälen
Und Ehrenmänner unter Sklaven darben,
Sah Privilegien, ausgetheilt zum Stehlen,
Und die sich Reichthum durch Betrug erwarben
Tyrannisch die gekauften Seelen quälen!
Und Männer, stolz an Ruhm und reich an Narben,
Sah ich vor einem Knaben stumm – erbeben;
Ein Wink – und in Verbannung stürb’ ihr Leben.

Die schon zum Pranger reif in andern Ländern,
Gebrandmarkt durch verächtlichen Verrath,
Sah ich geschmückt mit Ordenssternen und Bändern
Und ihnen anvertraut die Macht im Staat!
Mit feilen Kupplern, frechen Ehrenschändern
Sah ich gewürzt den großen Reichs-Salat;
Daß Satan selbst mit Abscheu das Gericht
Wild von sich stößt und ruft: ich mag es nicht.

Und wo – wo liegt das Land? Doch nicht auf Erden?
Wer weiß? – Ich sah’s in einem schweren Traume.
Doch kann dein Vaterland ein solches werden,
wenn einst zur Frucht gereift die Blüth’ am Baume
Der Zeit. Schon deuten vielfach die Gebärden
Der Gegenwart dahin; - sie wirkt am Zaume
Der Zukunft, den gar schöne Perlen zieren –
Drum – wer nicht wach ist, wird sich selbst verlieren.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Donnerstag, 17. Mai 2012

die welt gehört doch nicht den spekulanten, den großkonzernen & den banken - christoph holzhöfer

Mittwoch, 9. Mai 2012

Maskenball

Falderwald


Glaube, Seele, freier Wille,
alle Götzen falscher Macht,
hat der Mensch sich in der Stille
des Bewusstseins ausgedacht.

Freude, Trauer, Angst und Liebe
geben dem Gefühl Figur,
kraftvoll streben jene Triebe
aus dem Schoße der Natur.

Rache, Kämpfe, Hass und Kriege
sind des Menschen Todeskuss,
Toleranz allein bringt Siege,
was der Mensch noch lernen muss.

Bilder, Worte, Reime, Töne
fließen aus der Lebenskunst.
Einer nur besitzt das Schöne:
Mensch, o nutze deine Gunst!


https://www.gedichte-eiland.de

Samstag, 5. Mai 2012

ANARCHIE

John Henry Mackay


Immer geschmäht, verflucht - verstanden nie
Bist du das Schreckbild dieser Zeit geworden...
Auflösung aller Ordnung, rufen sie,
Seist du und Kampf und nimmerendend Morden.


Oh lass sie schrein! - Ihnen, die nie begehrt,
Die Wahrheit hinter einem Wort zu finden,
ist auch des Wortes rechter Sinn verwehrt.
Sie werden Blinde bleiben unter Blinden.


Du aber, Wort, so klar, so stark, so rein,
Das Alles sagt, wonach ich ruhlos trachte,
Ich gebe dich der Zukunft! - Sie ist dein.
Wenn Jeder endlich zu sich selbst erwachte.


Kommt sie im Sonnenblick? - Im Sturmgebrüll?-
Ich weiß es nicht... doch sie erscheint auf Erden!
-„Ich bin ein Anarchist!" - „Warum?" - „Ich will
Nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden!"




Quelle: https://deu.anarchopedia.org/John_Henry_Mackay/Anarchie

Bonzen-Blues

Erich Mühsam


Sei dankbar, Volk, den Edlen die dich leiten,
der Obrigkeit, die stets dein Heil bedenkt.
Willst du dir selber dein Geschick bereiten,
bald wär die Karre in den Sumpf gelenkt.
Was weißt denn du, was für dein Wohlsein nötig ist?
Das Volk gehorche, weil es brägenklötig ist.
Der höhern Einsicht füge dich beizeiten,
und frag nicht lang, warum der Staat dich hängt.

Vertraue, Volk, den Bonzen der Parteien,
geborgen ist dein Glück in ihrem Schoß.
Wenn du sie wählst, wolln alle dich befreien,
wenn sie gewählt sind, melken sie dich bloß.
Stell dir doch vor, wenn niemand dich regieren soll,
wovon dein Bonze dann noch existieren soll.
Der ganze Landtag müßt vor Hunger schreien.
Selbst die Abortfrau wäre arbeitslos.

Sie haben nichts im Kopf als Paragraphen.
Die Bonzen sind, o Volk, die Jungs im Skat,
verhängen Steuern über dich und Strafen,
und wenn du aufmuckst, dann ist's Hochverrat.
Sie merken nie, wenn alles auf der Kippe steht,
sie merken immer, wo noch eine Krippe steht,
doch du, o Volk, du kannst geruhsam schlafen.
Die Bonzen wachen ja, es wacht der Staat.



Quelle: https://www.anarchismus.at

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