Sonntag, 26. August 2012

Die neuen Propheten

Falderwald


Sie haben mich noch nicht einmal empfangen
in ihrer arroganten Allgewalt,
dabei war dieses Ortes Luft durchwallt
vom süßen Duft der schlauen Würgeschlangen.

Moralbefreit und ohne jeden Halt
erzwangen sie mit gierigem Verlangen
in jeder Beute ahnungsvolles Bangen,
denn sie taktierten mathematisch kalt

und nutzten Monitore statt Altäre
als Opferstätte für den Schicksalslauf
zu ihrer seelenlosen Indexlehre.

Sie nahmen in perversen Ritualen
auch Not und Elend kalkuliert in Kauf
und führten Krieg mit virtuellen Zahlen.


Quelle: https://www.gedichte-eiland.de

Samstag, 25. August 2012

Noch Eins!

Arno Holz


Mit dem Volke soll der Dichter gehen,
Also les' ich meinen Schiller heut!
Ferdinand Freiligrath.


Noch Eins!

Beim Leibe des Brots und beim Blute des Weins!
Merkt auf, ihr Herren im Frack!
Ihr hohen Herrn! denn ich pfeif euch noch Eins,
Noch Eins auf dem Dudelsack!
Und ob ihr auch flucht und mich niederschreit,
Mir Alles einerlei!
Die Porzellan- und Reifrockzeit
Ist Gottseidank vorbei!

Vor dem Drei-Stern, den unsere Zeit gebar,
Verschließt St. Peter die Thür:
Garibaldi heißt er und Bolivar
Und Toussaint L'Ouvertüre.
Es wandelt der neue Jesus Christ
Still durch die Völker schon:
O glaubt mir, unser Jahrhundert ist
Das Jahrhundert der Revolution!

Schaut hin, schon hat's an den Nagel gehängt
Purpur und Hermelin
Und sitzt am Studirtisch tief versenkt
In die heilige Schrift des Darwin.
Ja die biblische Spottgeburt aus Lehm
Besann sich auf ihre Kraft
Und die Wahrheit entschleiert ihr Weltsystem
Vor der Köngin der Wissenschaft!

Ihr aber thut, als wäre die Welt
Noch die Welt, die sie ehmals war;
Ihr bucht eure Titel und zählt euer Geld
Und faselt von Thron und Altar!
Ihr faselt im Wachen, ihr faselt im Traum
Und im Frühling genirt euch der Wind
Und keiner merkt, wie im Freiheitsbaum
Schon die Knospen gesprungen sind!

Ihr spreizt euch und bläht euch und nörgelt und mault
Trotz Hunger und Dynamit
Und seid doch an Körper und Geist verfault,
Verfault bis ins hundertste Glied!
Ihr haßt das Licht wie die Pestilenz,
Und der Schuftigste brüllt: Ich riskir's!
Und schneuzt sich und schwört auf die Intelligenz
Der hinterpommerschen Peers!

Doch ein braver Fluch ist auch ein Gebet
Und die Marseillaise ein Lied,
Drum wenn das noch lange so weitergeht,
Dann weiß ich, was geschieht!
Dann ruft das Volk: Vermaledeit!
He Pulver her und Blei!
Die Porzellan- und Reifrockzeit
Ist Gottseidank vorbei!


Aus der Sammlung Buch der Zeit

Quelle: https://gedichte.xbib.de

Donnerstag, 23. August 2012

Unser Weg

Ernst Toller


Die Klöster sind verdorrt und haben ihren Sinn verloren,
Sirenen der Fabriken überschrillten Vesperklang,
Und der Millionen trotziger Befreiungssang
Verstummt nicht mehr vor klösterlichen Toren.

Wo sind die Mönche, die den Pochenden zur Antwort geben:
"Erlösung ist Askese weltenferner Stille ...?"
Ein Hungerschrei, ein diamantner Wille
Wird an die Tore branden: "Gebt uns Leben!"

Wir foltern nicht die Leiber auf gezähnten Schragen,
Wir haben andern Weg zu Gott gefunden,
Uns sind nicht stammelndes Gebet die Stunden,

Das Reich des Friedens wollen wir zur Erde tragen,
Den Unterdrückten aller Länder Freiheit bringen -
Wir müssen um das Sakrament der Erde ringen.



Quelle: https://hor.de/gedichte/ernst_toller/index.html

Mittwoch, 18. Juli 2012

Fabrikausgang

Clara Müller-Jahnke


Bleigraue Schatten zittern durch die Luft,
aus hohen Essen quillt ein blauer Duft.
Durch Steingefüge dröhnt der Hämmer Ton,
um Erzgeäst schwirrt dumpf die Transmission,
schwirrt stumpf und dumpf, noch eh' die Sonne kam
bis daß der Tag verglüht in Zorn und Scham,
bis daß die Nacht barmherzig deckt die Qual -

Ein Glockenzeichen gellt im Arbeitssaal.

Da stockt der Lärm - und kreischend geht das Tor:

Ein Jüngling stürmt, ein Knabe fast, hervor;
im staubigen Rock, die Mütze im Genick,
ein frohes Leuchten noch im Kinderblick,
staunt er die Welt wie neugeboren an -
da schiebt ihn seitwärts schon sein Nebenmann.

Da drängt's hervor wie flügellahme Brut,
da wächst und wogt des Elends graue Flut:

Mit bangem Blick die blasse Mutter hier, -
zu Hause weint der Säugling schon nach ihr.
Das Mädel dort, Chrysanthemum am Hut,
- in flacher Brust erlogne Liebesglut, -
das frech vertraut dem nächsten Burschen nickt, -
der Mann, der stieren Auges vor sich blickt, -
und nun der Greis, der matt nach Hause wankt
und für den Hungerlohn dem Schöpfer dankt . . .

Des Landes Mark, der Großstadt Kraft und Glut
verschlingt des Elends uferlose Flut.

Mit müdem Schritt, die Stirn gesenkt und schwer,
zur Heimstatt zieht der Arbeit Sklavenheer,
zu kurzer Rast, daß schlafgestärkt die Kraft
beim nächsten Morgengraun aufs neue schafft.
Mit frischer Gier, mit niegestillter Wut
trinkt die Maschine ihres Herzens Blut.

Vorüberziehn, in seltsam scheuer Hast,
sie an der Arbeitsherren Prunkpalast:
den Tisch, der dort vor Ueberfülle bricht,
sie deckten ihn; doch ihnen blüht er nicht . . . .

Zwei Männer nur, den Hammer in der Hand,
hemmen den Blick und starren unverwandt
in all den Glast, der Freude goldenen Sitz;
aus ihren Augen zuckt des Hasses Blitz.
- So blickt der Leu, wenn sich die Schlange regt. -
sie wissen wohl , wohin ihr Fuß sie trägt,
sie schaun ihr Ziel, so sternenlicht und weit . . .
Und um sie braut die große Einsamkeit,
die schwere Ruh. -
Vom Himmel dichtgedrängt
die schwarze Wolkenmasse niederhängt,
indes am freien Horizont verloht
sturmdunklen Blicks ein blutig Abendrot.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Dienstag, 17. Juli 2012

Kriegsberichterstatter

Karl Kraus


Wie? Es gibt Krieg? Wir wissen es von solchen,
die noch ihr dreckiges Ich haben, das erzählt,
in welcher Stimmung sie den Krieg besichtigt?
Ein Schlachtroß fand' es unter seiner Würde
mit seinem linken Hinterhuf die Krummnas'
von sich zu stoßen – und die oben sitzen,
empfangen sie, und stehn ihr Red' und Antwort,
verköstigen an ihrem eigenen Tisch
den Auswurf? Wie, war das Ereignis denn
nicht stark genug, den innern Feind zu schlagen?
Er dringt zur Front, macht sich ums Blatt verdient?
Stellt uns den Krieg vor, stellt sich vor den Krieg?
Er wird nicht untergehn? Er lebt? Er dient nicht?
Nicht exerzieren müssen die Gemeinen?
Ist es ein Krieg? Ich denk', es ist der Friede.
Die Bessern gehen und die Schlechtem bleiben.
Nicht sterben müssen sie. Sie können schreiben.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Mittwoch, 4. Juli 2012

Menschendünkel

Anton Alfred Noder


Der Bach zu deinen Füßen klingt,
Du aber weißt nicht, was er spricht.
Zu Häupten dir der Vogel singt,
Und was er singt, verstehst du nicht.

Die Bienen summen dir ins Ohr
Ihr ewig unenträtselt' Lied,
In hundert Zungen spricht das Moor,
Der Wald, die Heide und das Ried.

Und hundertfältig um dich her
Ist Leben, reich wie deins gewebt,
Du aber weißt davon nicht mehr
Als einer, der im Monde lebt.

Und dennoch dünkst du unerreicht
Dich über alle sie gestellt
Als einzig Weiser! Ach, vielleicht
Bist du der einz'ge Narr der Welt!



Quelle: https://gedichte.xbib.de

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