Donnerstag, 6. Dezember 2012

Vision

Erich Mühsam


Vor dem Rot des Tags, der Abschied nimmt,
wälzt sich wollig wolkig grauer Rauch,
welcher eines nahen Schlotes Bauch
schwer entklimmt.

Und der Rauch formt vor dem roten Schein
weiche Arabesken und Figuren.
Wunderlich zerfließen die Konturen
querluftein.

Was die Menschenhand am Ofen drunten
um des Brotes Willen schafft und flicht,
zieht vorbei im abendhimmelsbunten
Schemenlicht.

Hämmer fallen auf geglühten Stahl.
Flammen schlagen, und der Motor brüllt,
wo man schwarze Eisenmäntel füllt,
ohne Zahl.

Traurig bleibt der Wandrer stehn und sieht,
wie das finstre Werk in grauen, langen,
schlimmen Wegs bewußten Wolkenschlangen
nachtwärts zieht

Giftig spaltet sich die Schlangenhaut.
Schwerter züngeln und Kanonenmünder
runden sich und bersten, Hundertpfünder -
ohne Laut.

Pferdeleiber winden sich, und Hände
greifen langgefingert jäh ins Leere.
Durch die Reste wüster Waldgelände
stelzen Heere.

Steil und spitzig stoßen Bajonette
auf und nieder. Türme steigen, kippen.
Tanzend, wiegend schlingt sich eine Kette
aus Gerippen.

Fäuste wachsen, krallen sich um Kehlen.
Dürre Körper sinken unter Hieben.
Vor dem roten Schein im Rauch zerstieben
Menschenseelen.

Nacht verschluckt die nebligen Gebilde.
Ruhlos walkt der Schlot der Waffenschmiede ...
Wann wird Tag? O wann erwacht der milde
Weltenfriede?



Quelle: https://www.muehsam.de/cp/emt/emt.html

Montag, 3. Dezember 2012

Die Lösung

Kurt Tucholsky


Wenn was nicht klappt, wenn was nicht klappt,
dann wird vor allem mal nicht berappt.
Wir setzen frisch und munter
die Löhne, die Löhne herunter –
immer runter!
Wir haben bis über die Ohren
bei unsern Geschäften verloren ...
Unser Geld ist in allen Welten:
Kapital und Zinsen und Zubehör.
So lassen wir denn unser großes Malheur
nur einen, nur einen entgelten:
Den, der sich nicht mehr wehren kann,
Den Angestellten, den Arbeitsmann;
den Hund, den Moskau verhetzte,
dem nehmen wir nun das Letzte.
Arbeiterblut muß man keltern.
Wir sparen an den Gehältern –
immer runter!
Unsre Inserate sind nur noch ein Hohn.
Was braucht denn auch die deutsche Nation
sich Hemden und Stiefel zu kaufen?
Soll sie doch barfuß laufen!
Wir haben im Schädel nur ein Wort:
Export! Export!
Was braucht ihr eignen Hausstand?
Unsre Kunden wohnen im Ausland!
Für euch gibts keine Waren.
Für euch heißts: sparen! sparen!
Nicht wahr, ein richtiger Kapitalist
hat verdient, als es gut gegangen ist.
Er hat einen guten Magen,
Wir mußten das Risiko tragen ...
Wir geben das Risiko traurig und schlapp
inzwischen in der Garderobe ab.

Was macht man mit Arbeitermassen?
Entlassen! Entlassen! Entlassen!
Wir haben die Lösung gefunden:
Krieg den eignen Kunden!
Dieweil der deutsche Kapitalist
Gemüt hat und Exportkaufmann ist.
Wußten Sie das nicht schon früher –?
Gott segne die Wirtschaftsverführer!




Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 1. Dezember 2012

Leiferde

Alfred Henschke-Klabund


Wir leben ganz im Dunkeln,
Uns blühen nicht Ranunkeln
Und Mädchen glühn uns nicht.
Wir sind von Gott verworfen
Und unter Schmutz und Schorfen
Ist unsre Brust mit Schwefel ausgepicht.

Der Rucksack, der ist leer,
Das Hirn von Plänen schwer,
Mit uns will's niemand wagen.
Wir finden Stell' und Arbeit nicht,
Der Hunger wie mit Messern sticht
Den Magen.

Wir sind dahingezogen
Durch Not und Kot und Dreck.
Der Wind hat uns verbogen,
Das Leben uns belogen,
Die Menschheit warf uns weg.

Wir wateten im Schlamm,
Wir kamen an den Damm,
Ein Zug flog hell vorüber,
Ach, niemand rief: Hol über!
Hol über!

Es tranken Kavaliere
Im Speisewagen Mumm.
Wir sind nicht einmal Tiere,
Uns wandern Herz und Niere
Ziellos im Leib herum.

Den Klotz nun auf die Schienen,
Der Qualen ists genug,
Bald kommt der nächste Zug,
Wir wollen was verdienen
- Und sei's auch nur das Hochgericht.
Wenn wir im Äther baumeln
Und zu den Sternen taumeln,
Sehn wir zum erstenmal das Licht -
Das Licht.



Quelle: https://www.gedichteportal.de/html/klabund_8.html#a230


Alfred Henschke-Klabund 1890-1928

Montag, 26. November 2012

Von der Käuflichkeit der Menschen

Jura Soyfer


Ins Himmelblau die Rohstoffpreise steigen,
Als holde Boten junger Konjunktur.
Der Markt belebt sich schon, und schamhaft zeigen
Sich zarte Triebe börslicher Natur.
Und nur ein Kurs hält mit der Hausse nicht Schritt,
Nur eine Ware geht im Preis nicht mit
Und bleibt die Billigste in jedem Land:
Das ist die Ausschußware, "Mensch" genannt.

Der Mensch kommt heutzutag im Durchschnittspreise
Auf zehn Pfund Sterling nur pro Exemplar,
Die Liefrungskosten spart er klugerweise,
Er liefert selbst sich aus mit Haut und Haar.
Ja, er verkauft sich fertig appretiert,
Mit seiner Menschenwürde ausstaffiert,
Und bist du, Käufer, mit den Mitteln knapp,
So kauf sie auf Kredit - und stottre ab.
Und kannst du weder heut noch morgen zahlen,
Kauf ruhig weiter, kauf sie massenweis.
Zahl statt mit Geld mit faulen Idealen,
Der Mensch verschleudert sich um jeden Preis.
Denn seinesgleichen gibt es viel zu viele,
Er weiß es selbst und handelt auch danach
Und kennt den Kurs im großen Börsenspiele;
Der Geist ist billig, und das Fleisch ist schwach.

Die Wartenden:
Die Rechnung stimmt nicht ganz, du Mann vom Fach,
Du überschätzt des Gläubigers Geduld.
Hast du kein Brot für uns, hast du kein Dach,
Stehn fordernd wir vor deinem Rechenpult.
Der Schuldner löst den Wechsel niemals ein.
Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein.


Quelle: (Widerstand und Freiheitskampf ed. peter ulrich lehner)

Dienstag, 20. November 2012

Lumpenparade

Heinrich Kämpchen


Knappen, seht euch die Lumpen an,
Die da kommen des Weges heran,
Eskortiert von der Polizei,
Kameraden, herbei, herbei!
Vorn im Zuge, ihr kennt ihn ja,
Stelzt der „Lange“ von Dingesda –
Ihm zu Seite, das „Huhn“ genannt,
Trippelt der lahme Ferdinand.
Hinter den beiden folgen dann dicht
„Wisper-Wilm“ und das „Affengesicht“,
Taugten noch nimmer in Kampf und Not,
Leckten sich immer zu Lohn und Brot. –
Wieder kommen jetzt nette zwei,
Schon berüchtigt durch mancherlei,
Seht ihr den falschen, schielenden Blick?
Denunzieren, das ist ihr Trick. –
Ihnen folgen, in schönem Kranz,
„Pulver-Fritze“ und „Hagel-Franz“,
Litten an Arbeitswut sonst nie,
Jetzt mit den „Braven“ auch schuften sie. –
Und so reihen sich Mann an Mann,
Alles „Defekte“, im Zuge an –
Keiner, der nicht von euch schon „geeicht“ –
Mucker und Ducker, so weit es reicht. –
Darum, Knappen, habet gut Acht!
Daß ihr sie wiedererkennet im Schacht,
Wenn zu Ende der schlimme Krieg,
Wenn dem Rechte erfochten der Sieg,
Wenn die Friedensschalmei erklingt,
Wenn ihr wieder die Keilhau schwingt –
Dann, es kann keine Frage sein,
Haltet ihr euch von den Lumpen rein,
Die euch ständig im Rücken bedroht,
Die euch verrieten in Kampf und Not. –
Darum, Knappen, habet gut Acht,
Daß ihr sie wiedererkennet im Schacht. –



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Im Friedrichshain

Heinrich Kämpchen



Die Luft ist feucht, der Märzwind weht,
Der frische Wind im Märzen,
Und wer die Gräberstatt begeht,
Dem brennt es heiß im Herzen. –

Sie liegen da in langen Reih’n,
Umhegt von Totenbäumen,
Mit dem zerschossenen Gebein
Und mit den Freiheitsträumen. –

Sie wittern wieder Märzenluft
Und wundern sich im Stillen,
Daß immer noch an ihrer Gruft
Die Eulenrufe schrillen. –

Daß immer noch der Freiheit Ton
Sich stumm und scheu muß bergen,
Daß immer noch die Reaktion
Fortherrscht mit ihren Schergen.

Sie horchen scharf in stiller Gruft,
Die großen Augen offen –
Doch, wittern sie auch Märzenluft,
Umsonst ist noch ihr Hoffen. –



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Donnerstag, 15. November 2012

Ausgepfiffen!

Arno Holz


Das Leben ist eine Komödie
Und geht oft über den Spaß
Und gleicht dann jener Tragödie,
In der Einer den Andern fraß.

Und wenn wir's auch nicht wollen,
Wir kommen doch alle drin vor
Und spielen die nöthigen Rollen
Vom Jean bis zum Heldentenor.

Und wer mit seiner Visage
Am besten zu gaunern gelernt,
Erhält die nobelste Gage
Und wird auch mitunter besternt.

Ich studirte mir manche Falte
Und trat vor das volle Haus,
Doch blieb ich immer der Alte -
Drum pfiff mich das Publikum aus!



Quelle: https://gedichte.xbib.de

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