Montag, 7. Januar 2013

Absage

Karl Kraus


Wo die Maschine mit dem Menschen rauft,
wo Blutverlust bedeutet Geld-Erraffen,
wo Hunger herrscht und Reichtum Nahrung kauft –
mit solcher Menschheit hab' ich nichts zu schaffen!

Wo Männer ächten, was sie selbst begehrt,
und wo die Sinne zu der Sünde finden,
wo Liebe Schmach bringt und Natur entehrt –
mit solcher Mannheit kann mich nichts verbinden!

Wo Freigeborne jedem Schall und Schein
gehorchen, ewiger Menschenfurcht verschworen,
um als Tyrannen Sklaven noch zu sein,
in solchen Reichen hab' ich nichts verloren.

Wo Druck in jeder Form die Geister lähmt
und wo die Phrase sich von selbst entzündet,
wo Technik sich dem Tode anbequemt,
in solcher Welt ist nicht mein Glück begründet.

Wo fauler Zauber allen Lebens Zweck
dem schnöden Mittel heimlich längst vermietet,
wie sehn' ich mich aus dieser Wohnung weg,
in der ein Besen mir die Stirne bietet!

Wo Willkür, Wucher, Krankheit, Haß und Schmutz
als die Verbündeten des Schlachtruhms schalten,
da will ich kühn dem Vaterland zum Trutz
mich für den allergrößten Feigling halten!

Wo Wissenschaft den Heldentod erfand,
in Gift und Gas die Glorie sich erneuert,
da hat sich mir das teure Vaterland,
denn Krieg ist Krieg, bedeutend noch verteuert.

Wo statt der Glocken die Kanonen nun
die frommen Christen zum Gebete rufen,
mit solchen hat der Teufel nichts zu tun,
da sie auf Erden schon die Hölle schufen.

Wo Ehre fällt und Schande aufwärts steigt
und heute gilt, wer gestern erst gestohlen –
gern hätt' ich Jenem doch den Weg gezeigt,
daß er mir könnte diese Ordnung holen!

Wo sie vor jedem Sonnenuntergang
durch Wort und Tat ihr Seelenheil verfluchen –
mein Leben und mein weiteres Leben lang
hab' ich bei dem Gelichter nichts zu suchen!



Quelle: https://www.textlog.de

Samstag, 5. Januar 2013

oh kanzlerin von deutschland (du große führerin) - christoph holzhöfer

Freitag, 21. Dezember 2012

NEW YORK / BÜRO UND ANZEIGE

Federico Garcia Lorca

Für Fernando Vela


Unter den Multiplikationen
rinnt ein Tropfen Entenblut;
unter den Divisionen
rinnt ein Tropfen Seemannsblut;
unter den Summen ist ein Fluß aus zartem Blut.
Ein Fluß, der durch die Vorstadtschlafgelasse singt
und der im trügerischen Morgendämmer von New York
Zement ist, Silber oder Brise.
Die Berge sind. Ich weiß.
Und auch die Brillen zur Gelehrsamkeit.
Ich weiß. Doch bin ich nicht zu sehen den Himmel
hergekommen.
Gekommen bin ich, um das trübe Blut zu sehen.
Das Blut, das die Maschinen zu den Katarakten,
den Geist zur Kobrazunge treibt.
Geschlachtet werden in New York an jedem Tage
vier Millionen Enten,
fünf Millionen Schweine,
zweitausend Tauben auch, den Sterbenden zum
Gaumenreiz,
eine Million Kühe,
eine Million Lämmer
und zwei Millionen Hähne,
die alle Himmel hinter sich in Splittern lassen.
Viel besser ist´s zu schluchzen, während man die Klinge schleift,
oder auf Jagden, die begauckelnd blenden,
die Hunde umzubringen,
als bei des Morgens Anbruch zu ertragen
die Züge, die nicht enden, voller Milch,
die Züge, die nicht enden voller Blut,
die Züge voller Rosen, deren Hände man gefesselt,
für jene, die mit Düften handeln.
Die Enten und die Tauben
und die Schweine und die Lämmer
verträufen ihres Blutes Tropfen
zuunterst aller Multiplikationen,
und das entsetzlich ausgeheulte Wehgeschrei der fast
zerquetschten Kühe
erfüllt mit Schmerz das Tal,
darin der Hudson sich mit Öl besäuft.
Ich klage all die Leute an,
die nichts, die gar nichts von der anderen Hälfte wissen,
der Hälfte, welche nie mehr auszulösen ist,
die ihre Berge aus Zement errichten,
wo all der Tierchen, die vergessen werden,
Herzen schlagen,
und wo wir alle niederfallen
beim letzten Fest der Bohrer.
Ich spei euch ins Gesicht.
Die andre Hälfte hört mir zu,
derweil sie frißt und pißt und fliegt, in ihrer Reinheit
den Kindern aus den Pförtnerstuben gleich,
die spröde, dünne Stöckchen an die Lücken stellen,
wo die Antennen der Insekten rosten.
Es ist die Hölle nicht, es ist die Straße.
Ist nicht der Tod, es ist der Obststand.
Es gibt da eine Welt von unterbrochnen Flüssen
und von Entfernungen, die man nicht fassen kann,
in dem vom Kraftfahrzeug
zerbrochnen Füßchen dieser Katze da,
und in den Herzen vieler Mädchen höre ich
des Wurmes Weise.
Rost, Gärung, Erde, die erbebt.
Du selbe Erde, die du hinschwimmst
auf den Ziffern des Büros.
Was kann ich tun? Die Landschaften in Ordnung
bringen?
Die großen Lieben ordnen, die später Lichtbildabzug sind,
die später Stücke sind aus Holz
und ein paar Mundvoll Blut?
Der heilige Ignatius von Loyola
ermordete ein winziges Kaninchen,
und um der Kirchen Türme seufzen
noch immer seine Lippen.
Nein, nein, nein, nein, ich zeige an.
Ich zeige die Verschwörung an
all der verödeten Büros,
die nicht durch Radio die Todeskämpfe übertragen
und die des Walds Programme streichen,
und biete mich zum Fraße an
den Kühen, die man fast zerquetscht,
wenn ihre Schreie rings das Tal erfüllen,
darin der Hudson sich mit Öl besäuft.


Quelle: Poesiealbum 27/ Bernd Jentzsch
Aus dem Spanischen übertragen von Enrique Beck

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Nur die Wahrheit

Max Vogler


Du mußt der Welt Dich recht geschmeidig zeigen,
Dich freundlich neigen, lächeln gegen Alle
Und ganz besonders, was Du denkst, verschweigen:
So steht es gut mit Dir in jedem Falle.

Und meinst Du gleich von Diesem oder Jenem:
Ich zähl’ als Mensch Euch nicht zu den Besten,
So sollst Du doch zu schmeicheln Dich gewöhnen,
Auch diesen selbst und seines Sinns Gebresten.

So sprach zu mir ein alter Mann, der viel erfahren,
Er meint es gut mit mir, ich mußt es glauben,
Doch sagt’ ich ernst: "Laßt mir mein schlicht Gebaren,
Den Hang zur Wahrheit soll mir niemand rauben."

Die Wahrheit ist der Grund, auf dem ich stehe,
Sie hab’ ich mir zur Führung auserlesen;
Was Andre thun, was sonst um mich geschehe —
Ich bleibe immer, der ich stehts gewesen!

Ich folge meines Herzens tiefstem Zuge,
Er ist mir süß, ich kann von ihm nicht lassen.
Ein Feind bleib ich auch ferner jedem Truge,
Und mögen mich die Menschen darum hassen!

Ich hatte Freunde, die ich werth gehalten,
Und wir durchlebten manche gute Stunde —
Nun ist das Band gerissen und gespalten,
Weil ich die Wahrheit sprach in unserem Bunde.

Es schmerzt mich — doch nun, da es geschehen,
Was ficht mich’s an? Es darf mich nicht mehr kümmern,
Um eure Freundschaft werd’ ich euch nicht flehn —
Hoch steht die Wahrheit über Schutt und Trümmern!

Frei, wär’s auch bitter, muß das Wort uns fließen,
Soll echte Freundschaft fügen sich zusammen;
Habt Dank für jede Güte, die ihr mir erwiesen, —
Ich kann nicht anders — mögt ihr mich verdammen!"



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Freitag, 14. Dezember 2012

Chanson vom großen Publikum

Joachim Ringelnatz


Wer die Masse kennt, wird auf linksherum
Oder rechtsherum erfolgreich sein,
Wenn er Schwindel macht. Denn das Publikum
Fällt auf jeden Schwindel stets herein.

Ganz altaktuell, frech und möglichst dumm,
Breit und kitschig muss die Sache sein,
Denn das Publikum, das große Publikum
Fällt auf jeden Schwindel glatt herein.

Von dem Drum und Dran und von dem Dran und Drum
Will es gar nicht unterrichtet sein.
Denn das Publikum, das große Publikum
Fällt auf jeden Schwindel gern herein.

Applaudiert ihr jetzt mir? Und wenn ja, warum?
O ich prüfe Euch an diesem Stein!
Denn das Publikum, das große Publikum
Will durchaus, durchaus beschwindelt sein.



Quelle: https://www.lyrik-lesezeichen.de/gedichte/politische_gedichte.php

Freitag, 7. Dezember 2012

LIED VOM EINFACHEN MENSCHEN

Jura Soyfer


Menschen sind wir einst vielleicht gewesen
Oder werden's eines Tages sein,
Wenn wir gründlich von all dem genesen.
Aber sind wir heute Menschen? Nein!
Wir sind der Name auf dem Reisepaß,
Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,
Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls
Und Widerhall des toten Widerhalls.

Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,
Wahren wir doch nicht den leeren Schein!
Wir, in unsern tief entmenschten Städten,
Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!
Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,
Wir sind die Nummer im Katasterblatt,
Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt
Und unsre eignen Schatten allesamt.

Soll der Mensch in uns sich einst befreien,
Gibt's dafür ein Mittel nur allein:
Stündlich fragen, ob wir Menschen seien?
Stündlich uns die Antwort geben: Nein!
Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild
Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.
Ein armer Vorklang nur zum großen Lied.
Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!


Quelle: https://www.scharf-links.de/45.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=30845&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=c7ac3d343a

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