Samstag, 19. Januar 2013

Rechts und links

Kurt Tucholsky


Rechts sind Bäume, links sind Bäume,
und dazwischen Zwischenräume.
In der Mitte fließt ein Bach!

Ach!

Rechts hat man die Industriellen,
welche eine Presse wellen,
eine, die den Abonnenten
nationale fette Enten
täglich aufzubinden hat.
Und so fällt denn Blatt auf Blatt
in die Hände von Kartellen
unsrer Großindustriellen.
Und man schiebt sich dies und jenes,
weils bequem is und gemeen is.

Und die Aktie kommandiert –
die Verwaltung salutiert.
Helfferich ruft Weh und Ach ...
In der Mitte fließt ein Bach.

Links hat man die neuen Helden,
die sich schon seit 18 melden,
wenns was zu vermitteln gibt.
(Dies Geschäft ist so beliebt.)
Barmat, Parvus, Sklarz Gebrüder –
Ei, man ist so brav und büder.
Die Regierung ist schockiert
und wird mächtig angeschmiert.
Manches Silber ist vernickelt,
mancher Handel ist verwickelt.
Reine Finger hab, wer kann!
Schlimmstenfalls zieh Handschuh an!

Rechts sind Schieber, links sind Schieber.
Jedes Antlitz ein Kassiber.
In der weiland großen Zeit
schob man Seins im grauen Kleid.
Sieh die Rechten, sieh die Linken –
und es will mich schier bedünken,

...

Rechts sind Bäume, links sind Bäume,
und dazwischen Zwischenräume.
In der Mitte fließt ein Bach –

Ach!



Quelle: https://www.textlog.de

Mittwoch, 16. Januar 2013

Welthass

Sándor Petöfi


Herrgott im Himmel! Teufel in der Hölle!
Geht das hier fort so, ohne Unterlass?
Ein Weltenfresser hockt auf jeder Schwelle;
In jedem Strauche lauert Menschenhass.

Sie schleudern wild die Steine ihrer Flüche
Und geben nur ihrem Hass sich kund:
Wie offene Gräber modrigen Gerüche,
Entsteigen ekle Flüche ihren Mund.

Hat Liebe eure Antlitz je gerötet,
Dass ihr enttäuscht im Hasse Zuflucht sucht?
Habt für die Menschheit Heil ihr je gebetet,
Dass ihr sie jetzt erbarmungslos verflucht?

Zertrat die Welt in feindlich rauhem Streben
Das Herz, das Freundschaft ihr entgegen trug? -
Ihr habt der Welt das Herz nicht hingegeben, -
Weil nie ein Herz in euren Busen schlug!

Kein Herz besitzt ihr! Taschen nur und Magen ...
Und weil ihr die nicht immer füllen könnt,
Füllt ihr die Welt mit Flüchen und Klagen
Und hasst alles unterm Firmament ...


Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Wenn aber Christus, der gesagt hat: "Du sollst nicht töten!" ...

Kurt Tucholsky


Wenn aber Christus, der gesagt hat: "Du sollst nicht töten!"
An seinem Kreuz sehen muss, wie sich die Felder blutig röten;
Und wenn die Pfaffen Kanonen und Flugzeuge segnen
Und in den Feldgottesdiensten beten, dass es Blut möge regnen;
Und wenn der Vertreter Gottes auf Erden
Soldaten-Hammel treiben, auf das sie geschlachtet werden;
Und wenn die Glocken läuten: "Mord!" und die Choräle hallen:
"Ihr sollt eure Brüder nieder knallen!"
Und wenn jemand so verrät den Gottessohn -:
Das ist Religion!


Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Die Jungen und die Alten

Georg Herwegh


»Du bist jung, du sollst nicht sprechen!
Du bist jung, wir sind die Alten!
Laß die Wogen erst sich brechen
Und die Gluten erst erkalten!

Du bist jung, dein Tun ist eitel!
Du bist jung und unerfahren!
Du bist jung, kränz' deinen Scheitel
Erst mit unsern weißen Haaren!

Lern', mein Lieber, erst entsagen,
Laß die Flammen erst verrauchen,
Laß dich erst in Ketten schlagen,
Dann vielleicht kann man dich brauchen!«

Kluge Herren! Die Gefangnen
Möchten ihresgleichen schauen;
Doch, ihr Hüter des Vergangnen,
Wer soll denn die Zukunft bauen?

Sprecht, was sind euch denn verblieben,
Außer uns, für wackre Stützen?
Wer soll eure Töchter lieben?
Wer soll eure Häuser schützen?

Schmäht mir nicht die blonden Locken,
Nicht die stürmische Gebärde!
Schön sind eure Silberflocken,
Doch dem Gold gehört die Erde.

Schmähet, schmäht mir nicht die Jugend,
Wie sie auch sich laut verkündigt!
O wie oft hat eure Tugend
An der Menschheit still gesündigt!


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Georg Herwegh

Montag, 14. Januar 2013

Man treibt die Völker Knall und Fall

Georg Herwegh


Man treibt die Völker Knall und Fall
Wie eine Herde Vieh
Aus einem in den anderen Stall
Und nennt es Strategie

Und hat man dann das Heldentum
Mit frommer Hand geflegt .
Wer heilt die Wunden, die der Ruhm
Daheim der Freiheit schlägt?



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Georg Herwegh

Freitag, 11. Januar 2013

Doch nun hab ich genug vom fürchterlichen Streiten

Charles Baudelaire


Doch nun hab ich genug vom fürchterlichen Streiten.
Gelübde und Gebet von euch sind Frevelei!
Der sichre Untergang sind die Feindseligkeiten,
Und Einigkeit ist eure Kraft! - In Friedenszeiten
Lebt, Brüder! Sorgt dafür, dass immer Friede sei!

Löscht aus die Kriegsbemalung! Steigt vom Wasser nieder!
Schilfrohre ohne Zahl und Steine stehn bereit.
Such jeder seine Pfeife! Keine Kriege wieder!
Kein Blutvergießen mehr! Seid eines Körper Glieder
Und raucht die Friedenspfeife all in Ewigkeit!




Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Donnerstag, 10. Januar 2013

An die Friedensfreunde!

Adinda Flemmich


Ein Traum - man hielt zu schön ihn für hinieden,
Ein hehrer Volksgedanke ward zum Wort,
Das Wort "Verbrüderung" und "Völkerfrieden",
Ihr präget es, durch Euch lebts weiter fort.

Das wahrhaft Große langsam sich entfaltet,
Doch stark in sich, scheut es die Hemmniss' nicht,
Das Wort allmählich sich zur Tat gestaltet
Die kühn barbar'sche Traditionen bricht.

Nicht sollen künftig mehr die Völker fechten,
Im Krieg austoben die brutale Kraft,
Ein "Bruderbündnis" wird die Welt umflechten,
Wo die Vernunft dem Recht den Sieg verschafft.

Gemeinsam wehen heut vielfarb'ge Fahnen,
Symbole sind sie einer schön'ren Zeit,
Für die ihr mutig wollt die Wege bahnen,
Im Kampf um den Triumph der Menschlichkeit.



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Dienstag, 8. Januar 2013

Das Biest

Maximilian Bern


In mannigfaltiger Gestalt
Treibt heimtückisch sein Wesen
Ein Ungetüm, von dem im Brehm
Und Häckel nichts zu lesen.
Ganz harmlos ist es äußerlich,
Obwohl es reich an Mängeln;
Mit ihm verglichen, ähneln selbst
Die Raubtiere noch Engeln.
Oft scheint es zahm — doch trau' ihm nicht!
Denn — heuchelt es auch Treue,
Urplötzlich wieder überfällt
Es grundlos dich aufs neue.
Es freut sich, wenn dir was mißlingt,
Und hat Erfolg dein Streben,
Dann knurrt es, brächte gerne dich
Um jedes Glück im Leben;
Und gönnt dir nichts auf weiter Welt,
Nicht Ehre und nicht Habe —
Verfolgt geheim mit seinem Haß
Dich bis zu deinem Grabe.
Ja, selbst bei deinem Nekrolog
Wird oft sein Neid noch rege.
Das unheimliche Wesen heißt —
Recht treuherzig: Kollege.




Quelle: https://www.pinselpark.org/literatur/b/bernmax/poem/inmannigfaltiger.html

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