Mittwoch, 20. Februar 2013

Chaos

Arno Holz


Das ist der Fluch, der diese Zeit durchzittert,
Der uns das Leben und den Tod verbittert:

Wir legen ewig neu das Fundament
Und niemals greift der Bau ins Firmament!

Wir hören blutend, wie die Völker wimmern,
Und helfen selber ihre Kreuze zimmern!

Wir flehen brünstig um das Weltgenie
Und sind noch viehisch, viehisch wie das Vieh!

Wir speien auf das Kreuz der Kathedrale
Und dichten nur noch Zukunftsideale!

Wir thun die Skepsis feig in Acht und Bann
Und schliesslich - glaubt man selber nicht daran!

Das ist der Fluch, der diese Zeit durchzittert,
Der uns das Leben und den Tod verbittert!



Quelle: https://www.gedichteportal.de

Arno Holz 1863-1929

Sonntag, 10. Februar 2013

Gut zwei Milliarden...

Attila József


Gut zwei Milliarden schlugen mich in Ketten,
Als ihren Wachhund hätten sie mich gern,
Aus ihrer Welt möchten sich südwärts retten
Güte und Zartheit, ach, sie sind schon fern.
Die Welt da kann ich nicht ans Licht mehr halten
Wie Stoffe, die im Reagenzglas walten.
Besiegt bin ich. Mitleid! Und muß erkalten,
Wirst du nicht, Liebe, Rettung mir und Stern.

Ich brauch dich, wie der Bauer Boden braucht,
Regen und Sonne. Ja, ich brauche dich
So wie die Pflanze Licht, in das sie taucht,
Daß ihr dann Blätter wachsen grün und frisch.
Ich brauch dich wie die arbeitenden Massen,
Trotzig sich hinquälend im Kampf der Klassen,
Weil neue Tage sich nicht sehen lassen,
Mut brauchen, Freiheit, den gedeckten Tisch.

Ich brauch dich, Flora, wie das flache Land
Licht, Brunnen, Schulen braucht, Häuser aus Stein,
Wie Kinder Spielzeug, eine sanfte Hand,
Der Arbeiter das Wissen, Mensch zu sein.
Wie man ein Vorbild braucht, in diesen Zeiten
Die Armen Würde, Weise, die uns leiten,
Den Einschlag im Geweb der Eigenheiten,
Vernunft, aus Finsternissen großer Schein.


Übertragen von Stephan Hermlin

Quelle: Poesiealbum 90, Attila József, Verlag Neues Leben

Montag, 4. Februar 2013

Der Pirat - I.

Richard Dehmel

Nach José de Espronceda.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht eine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,
auf allen Meeren er gekannt
von einem bis zum andern Strand,
der "Hai" getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
sitzt singend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
und sitzt und singt und schwenkt den Hut:

"Fliege, mein Segler du, fliege,
unverzagt;
fliegst und segelst zum Siege!
Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,
der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,
weil dein Herr sein Leben wagt!
Zwanzig Prisen
haben wir gemacht,
haben die Staatsmützen
ausgelacht;
hundert Nationen
liegen und grüßen hier
mit ihren Flaggen
zu Füßen mir.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

"Könige streiten dadrüben
in blinder Gier
um ein paar Aecker Rüben.
Sehet, ich lache! Meine Gefilde
reichen, soweit das weite wilde
Meer entrollt sein frei Pannier.
Da ist kein Wimpel,
wie er auch glänze,
da keine Küste,
wo sie auch grenze,
die nicht Salut gethan
meinem Geschlecht,
die nicht erkannten
mein Hoheitsrecht.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Dienstag, 29. Januar 2013

Immer feste druff!

Karl Kraus


Sie sahen nur das, was nicht geschehn,
und hörten nur das, was ihnen frommt.
Ich hab' schon am Anfang das Ende gesehn
und wußte, was nach dem Ende kommt.

Dies Volk, genährt mit Weltenhasse,
des Wahnes entbunden, der Lüge bloß,
sie stürzen mit Messern hinaus auf die Gasse
und gehn dort aufeinander los.

Und sollt' ich nun in die Zukunft schauen,
so würde der Horizont mir zu eng.
Denn wieder seh' ich das alte Grauen
und höre das alte Schnedderedeng.

Sie werden die Welt gegebenen Falles
verwandeln ins unentbehrliche Feld.
Denn dieses geht Deutschland doch über alles,
über alles doch in der Welt.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Sonntag, 27. Januar 2013

Die Lieder des Volkes

John Henry Mackay



„Was hilft es, die Bücher der Weisheit zu lesen!
Die Lieder des Volkes gilt’s zu verstehn:
Was ewig du sein wirst und was du gewesen,
In ihrem Spiegel wirst du es sehn.

Sie sind so einfach, wie Blumen am Raine,
So schlicht, wie des Vogels Gesang im Wald –
Belausche sie einmal beim Tanz und beim Weine,
Belausche sie achtsam, wie süß das schallt!

Du tauchst in ein Bad und kühlst deine Glieder,
Es lauscht dein Ohr, weil es lauschen muss.
Das sind deines Volkes unsterbliche Lieder,
Der Weisheit erster und letzter Schluss!“ –

So sprach er, wie träumend in ruhlosem Schlafe,
Wie wehrend hob er die blutende Hand,
Und schleppte erwachend – ein ewiger Sklave –
In ärmlicher Freude sein Ketten-Gewand . . .



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Montag, 21. Januar 2013

Freiheit in Ketten (Erich Mühsam) Christoph Holzhöfer

Handel und Wandel

Ludwig Thoma



Ja, ja Herr Nachbar, s'ist ein Stück Geschichte
Was wir erleben, seh'n Sie, die Kultur
Geht mit Barbaren wieder ins Gerichte
Und nimmt die Bengel ordentlich in Kur.

Sie sprachen richtig von der Zeilen Wandel;
Wir müssen Absatz halten, das Gebiet
Erweitert täglich sich für unsern Handel,
Wenn hier der Schwindel nicht mehr völlig zieht.

Es liegt ein großer Zug im Geld verdienen;
Man bringt so manches ja daheim nicht los;
Gepanschten Schnaps zum Beispiel, alte Eisenschienen,
Doch überm Wasser geht das Zeug famos.

Und geht es nicht, will das Gesindel bocken,
Herr Nachbar, gibt es neuerdings Profit,
Man stellt Soldatenlümmel auf die Socken.
- Die Herrn Kommerzienräte tun nicht mit.

Sie dürfen sich für ihre Erben schonen
Und schöpfen aus dem Krieg noch Überschuß,
Denn auch der Feind braucht Flinten und Kanonen,
So kommt die Waffenindustrie in Fluss.



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

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