Freitag, 8. März 2013

Land und Leute

Gottfried von Straßburg


Land und Leute könnten voller Ruhe sein,
Wären nicht zwei kleine Wörter: mein und dein;
Die wirken manche Wunder auf der Erde.
Wie gehn sie rüttelnd, wie so wütend überall
Und treiben alle Welt herum wie einen Ball.
Ich denke ihres Krieges nie mehr Ende werde.
Böse Gierigkeit
Schlingt um alles sich hin seit Evas Zeit,
Verwirrt ein jedes Herz und jedes Reich.
Weder Herz noch Zungen
Meinen nichts noch lieben nichts, als Falsch und Änderungen.
Liebe und Rechtsspruch sind an Trug sich gleich.


Quelle: Tränen und Rosen, Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden von Achim Roscher
Verlag der Nation Berlin

Gottfried von Straßburg

Mittwoch, 6. März 2013

Nach der Schlacht

Georg Heym


In Maiensaaten liegen eng die Leichen,
Im grünen Rain, auf Blumen, ihren Betten.
Verlorene Waffen, Räder ohne Speichen,
Und umgestürzt die eisernen Lafetten.

Aus vielen Pfützen dampft des Blutes Rauch,
Die schwarz und rot den braunen Feldweg decken.
Und weißlich quillt der toten Pferde Bauch,
Die ihre Beine in die Frühe strecken.

Im kühlen Winde friert noch das Gewimmer
Von Sterbenden, da in des Ostens Tore
Ein blasser Glanz erscheint, ein grüner Schimmer,
das dünne Band der flüchtigen Aurore.



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Georg Heym

Dienstag, 5. März 2013

Immer mehr!

Georg Herwegh


Allüberall Geschrei nach Brot,
Vom Atlas bis Archangel!
In halb Europa Hungersnot,
Im halben bittrer Mangel!

Die Scheuren leer, die Steuern schwer,
Die Ernte schlecht geraten -
Doch immer mehr und immer mehr
Und immer mehr Soldaten!

Geld her für Pulver und für Blei!
Für Reiter und für Rosse!
Chassepots, Zündnadeln, allerlei
Weittragende Geschosse!

Dem Kaiser Geld, dem Papste Geld!
Nur immer frisch von hinten
Geladen! Denn der Lauf der Welt
Hängt ab vom Lauf der Flinten.



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Georg Herwegh

Dienstag, 26. Februar 2013

1917

Walter Hasenclever


Halte wach den Hass. Halte wach das Leid.
Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.

Glaube nicht, wenn du liest auf diesem Papier,
ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.

Glaube nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
Einer Mutter, die ihren Kleinen trug.

Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
Das Unglück ist nicht von Dir gemacht.

Heran zu den elenden Leichenschein,
Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.

Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
Falle nieder, du, sei angeklagt.

Empfange die ungeliebte Qual
Aller Verstoß'nen in diesem Mal.

Ein letztes Aug', das am Äther trinkt,
Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;

Die brennende Wildnis der schreienden Luft.
Den rohen Stoß in die kalte Gruft.

Wenn etwas in deiner Seele bebt,
Das dies Grauen überlebt.

So lass es wachsen, auferstehn
Zum Sturm, wenn die Zeiten unter gehn.

Tritt mit der Posaune des jüngsten Gerichts
Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!

Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
Halte fest die Macht! Vertraue auf Gott:

Das in der Menschen Mord, Verrat,
Einst wieder leuchte die gute Tat;

Des Herzen Kraft, der Edlen Sinn
Schwebt am gestirnten Himmel hin.

Das die Sonne, die auf Gute und Böse scheint,
Durch soviel Ströme der Welt geweint,

Gepulst durch unser aller Schlag,
Einst wieder strahle gerechtem Tag.

Halte wach den Hass. Halte wach das Leid.
Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de


Walter Hasenclever

Sonntag, 24. Februar 2013

Tyrann

Geoffrey Chaucer


So sind ein unrechtmäßiger Tyrann,
Ein Räuber und ein vogelfreier Mann
Nur dadurch unterschieden voneinander,
Wie vorgehalten man auch Alexander,
dass den Tyrannen, dem zuteil geworden,
Durch Heeresmacht die Menschen zu ermorden
Und Haus und Heim zu plündern und zu brennen,
Wir deshalb fälschlich einen Feldherrn nennen;
Weil ein Verbannter mit nur kleiner Schar
Nicht so wie jener Not bringt und Gefahr
Und nicht ins Unglück stürzt ein ganzes Land,
wird er ein Räuber oder Dieb genannt.


Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de/index.php?option=com_content&view=category&id=57&Itemid=75

Geoffrey Chaucer (1343-1400)

Samstag, 23. Februar 2013

Der Bettelsoldat

Christian Friedrich Daniel Schubart


Mit jammervollem Blicke,
Von tausend Sorgen schwer,
Hink ich an meiner Krücke
In weiter Welt umher.


Gott weiß, hab viel gelitten,
Ich hab so manchen Kampf
In mancher Schlacht gestritten,
Gehüllt in Pulverdampf.


Sah manchen Kameraden
An meiner Seite tot
Und musst im Blute waten,
Wenn es mein Herr gebot.


Mir drohten oft Geschütze
Den fürchterlichsten Tod,


Oft trank ich aus der Pfütze,
Oft aß ich schimmlig Brot.


Ich stand in Sturm und Regen
In grauser Mitternacht,
Bei Blitz und Donnerschlägen,
Oft einsam auf der Wacht.


Und nun nach mancher Schonung,
Noch fern von meinem Grab,
Empfang ich die Belohnung -
Mit diesem Bettelstab.


Bedeckt mit dreizehn Wunden,
An meine Krück gelehnt,
Hab ich in manchen Stunden
Mich nach dem Tod gesehnt.


Ich bettle vor den Türen,
Ich armer lahmer Mann!
Doch ach! wen kann ich rühren?
Wer nimmt sich meiner an?


War einst ein braver Krieger,
Sang manch Soldatenlied
Im Reihen froher Sieger;
Nun bin ich Invalid.


Ihr Söhne, bei der Krücke,
An der mein Leib sich beugt,
Bei diesem Tränenblicke,
Der sich zum Grabe neigt;


Beschwör ich euch - ihr Söhne!
O flieht der Trommel Ton!
Und Kriegstrommetentöne,
Sonst kriegt ihr meinen Lohn.



Quelle: https://www.dfg-vk-bonn-rhein-sieg.de

Christian Friedrich Daniel Schubart 1739-1791

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