Donnerstag, 4. April 2013

Eine Frage

Kurt Tucholsky



Da stehn die Werkmeister - Mann für Mann.
Der Direktor spricht und sieht sie an:
" Was heißt hier Gewerkschaft!
Was heißt hier Beschwerden!
Es muß viel mehr gearbeitet werden!
Produktionssteigerung! Daß die Räder sich drehn!"
Eine einzige kleine Frage:
Für wen?
Ihr sagt: Die Maschinen müssen laufen.
Wer soll sich eure Ware denn kaufen?
Eure Angestellten? Denen habt ihr bis jetzt
das Gehalt wo ihr konntet heruntergesetzt.
Und die Waren sind im Süden und Norden
deshalb auch nicht billiger geworden
Und immer sollen die Räder sich drehn...
Für wen?

Für wen die Plakate und die Reklamen?
Für wen die Autos und Bilderrahmen?
Für wen die Krawatten? Die gläsernen Schalen?
Eure Arbeiter können das nicht bezahlen.
Etwa die der andern? Für solche Fälle
habt ihr doch eure Trusts und Kartelle!
Ihr sagt: Die Wirtschaft müsse bestehn.
Eine schöne Wirtschaft!
Für wen? Für wen?

Das laufende Band das sich weiterschiebt
liefert Waren für Kunden die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
eure eigene Kundschaft kaputt gemacht.
Denn Deutschland besteht - Millionäre sind selten -
aus Arbeitern und Angestellten!
Und eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.

Während Millionen stempeln gehn.
Die wissen für wen.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Samstag, 23. März 2013

Das letzte Lied

Miguel Hernandez

(Kriegsende 1939)

Bemalt, nicht leer,
bemalt ist mein Haus
mit der Farbe der großen
Leidenschaften und Verhängnisse.

Zurückkehren wird es aus dem Jammertal,
wohin es geschleppt ward
mit seinem verwaisten Tisch,
mit seinem zerborstenen Bett.

Über den Polstern
werden wieder Küsse blühen.
Und einhüllen wird das Laken
die Leiber mit duftendem
Gewächs der Nacht.

Jenseits des Fensters
erstirbt der Haß.
Sanft wird die Klaue sein.
Laßt mir die Hoffnung.


Quelle: Gedichte gegen den Krieg, Zweitausendeins

Miguel Hernandez

Donnerstag, 21. März 2013

Europäische Dämmerung

Albin Zollinger


Du alte Arche der Kultur,
Europa, bist du nun am Ende?
Vom Ararat kommt deine Spur,
Dies aber ist die späte Wende

Am Rande ausgefüllter Zeit -
Einmal, auf einer Höhe weißer
Noch lange blinder Wirklichkeit,
Sehn uns die Enkel hier in heißer

Und steiler Mittagsstunde stehn
Auf einem Gipfel der Geschichte
Und sehen unser Untergehn
Und sehn die bitteren Gerichte

Und Schrei und Rauch und Sümpfe Gas
Und langen Fall der Kathedralen
Und Wiederkehr von Wald und Gras,
Des Kontinentes Abendstrahlen.

Noch trägt er mich in seinem Laub,
Der weite Baum, hält mich am Meere
Über den Glanz von Glitzerstaub
In einem Atem salziger Leere.

Bleib ich dir treu, geliebter Raum
Voll Kostbarkeit gereifter Künste?
Vergangenheit sinkt wie ein Traum
In Dunkelheit und müde Dünste.

Gegrüßt, ihr Brüder, fern da vorn!
Die Zeit ist euer - Weltgeschichte
Strömt unversieglich aus dem Born
Der schöpferischen Urgesichte.



Quelle: Tränen und Rosen, Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden von Achim Roscher, Verlag der Nation Berlin


Albin Zollinger

Montag, 18. März 2013

Die Mörder sitzen in der Oper

Walter Hasenclever


Der Zug entgleist. Zwanzig Kinder krepieren.
Die Fliegerbomben töten Mensch und Tier.
Darüber ist kein Wort zu verlieren.
Die Mörder sitzen im "Rosenkavalier".

Die Soldaten verachtet durch die Straßen ziehen.
Generäle prangen im Ordensstern.
Deserteure, die vor dem Angriff fliehen,
Erschießt man im Namen des obersten Herrn.

Auf, Dirigent, von deinem Orchesterstuhle!
Du hast Menschen getötet. Wie war dir zu Mut?
Waren es viel? Die Mörder machen Schule.
Was dachtest du beim ersten spritzenden Blut?

Der Mensch ist billig, und das Brot wird teuer.
Die Offiziere schreiten auf und ab.
Zwei große Städte sind verkohlt im Feuer.
Ich werde langsam wach im Massengrab...

Ein gelber Leutnant brüllt an meiner Seite:
„Sei still, du Schwein!“ Ich gehe stramm vorbei,
Im Schein der ungeheuren Todesweite
Vor Kälte grau in alter Leichen Brei.

Das Feld der Ehre hat mich ausgespien;
Ich trete in die Königsloge ein.
Schreiende Schwärme schwarzer Vögel ziehen
Durch goldene Tore ins Foyer hinein.

Sie halten blutige Därme in den Krallen,
Entrissen einem armen Grenadier.
Zweitausend sind in dieser Nacht gefallen!
Die Mörder sitzen im "Rosenkavalier".

Verlauste Krüppel sehen aus den Fenstern.
Der Mob schreit: „Sieg!“ Die Betten sind verwaist.
Stabsärzte halten Musterung bei Gespenstern;
Der dicke König ist zur Front gereist.

„Hier, Majestät, fand statt das große Ringen!“
Es naht der Feldmarschall mit Eichenlaub.
Die Tafel klirrt. Champagnergläser klingen.
Ein silbernes Tablett ist Kirchenraub.

Noch strafen Kriegsgerichte das Verbrechen
Und hängen den Gerechten in der Welt.
Geh hin, mein Freund, du kannst dich an mir rächen!
Ich bin der Feind. Wer mich verrät, kriegt Geld.

Der Unteroffizier mir Herrscherfratze
Steigt aus geschundenem Fleisch ins Morgenrot.
Noch immer ruft Karl Liebknecht auf dem Platze:
„Nieder der Krieg!“ Sie hungern ihn zu Tod.

Wir alle hungern hinter Zuchthaussteinen,
Indes die Opfer tönt im Kriegsgewinn.
Mißhandelte Gefangene stehn und weinen
Am Gittertor der ewigen Knechtschaft hin.

Die Länder sind verteilt. Die Knochen bleichen.
Der Geist spinnt Hanf und leistet Zwangsarbeit.
Ein Denkmal steht im Meilenfeld der Leichen
Und macht Reklame für die Ewigkeit.

Man rührt die Trommel. Sie zerspringt im Klange.
Brot wird Ersatz und Blut wird Bier.
MeinVaterland, mir ist nicht bange!
Die Mörder sitzen im "Rosenkavalier".



Walter Hasenclever

Donnerstag, 14. März 2013

Der teuflische Sirenenton

Max Herrmann-Neisse


Hastig leer gegessen wird der Teller,
bleibt die Abendrast noch ungestört,
doch bald kriecht man wieder in den Keller,
wenn man die Sirene heulen hört,

dieses unnatürlich grelle Heischen,
Jägerhatz, vor der dem Opfer graut,
böses, nervenpeinigendes Kreischen,
gleich dem tierisch gottverlassnen Laut,

der mich aus dem Kinderschlaf einst schreckte,
als ich scheu im Hemd zum Fenster sprang
und am Weg das irre Weib entdeckte,
das der Wärter in den Wagen zwang.

Aufbewahrt in des Bewußtseins Grunde
blieb mir dieser Mißton all die Zeit,
bis ihn jetzt zur unglückseligen Stunde
größren Wahnes Stimme überschreit.

Eine ganze Menschheit kam von Sinnen,
Aberwitz trübt ganzer Welten Geist;
lange Unzeit muß vielleicht verrinnen,
ehe sich ein Weg ins Lichte weist,

und wenn jetzt mit panisch irrem Klagen
die Sirenen über Land und Meer
jedes Leben aus dem All verjagen,
liegt die Erde wieder wüst und leer.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Max Herrmann-Neisse

Mittwoch, 13. März 2013

Eroberungssucht

Johann Gottfried Herder


Weh euch, Ihr Prinzen, die für Ruhm
Der Völker Blut vergossen,
Für deren Macht und Eigentum
So bittre Tränen flossen;
Die Ihr doch, was Ihr habt, nicht nützt,
Und nicht genießt, was Ihr besitzt,
Die Ihr um Wahn nur fechtet
Und um Phantome rechtet!

Die Tränen sind ein bittrer Trank,
Ein Kelch, für Euch zu leeren.
Des Ruhmes heisrer Lobgesang
Wird sich in Fluch verkehren,
Wenn um die Euch gegrabne Gruft
Nun jeder Seufzer Rache ruft,
Wenn Eure Kinder müssen,
Was Ihr verschuldet, büßen!



Johann Gottfried Herder

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