Freitag, 2. August 2013

Das Knie

Christian Morgenstern


Ein Knie geht einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt --
als wär’s ein Heiligtum.

Seitdem geht’s einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.


Quelle: Galgenlieder Christian Morgenstern

Sonntag, 28. April 2013

Ehrlicher Protest

Ludwig Thoma


Protektion im Diplomaten-
Dienste!! Nein, wer so was sagt.
Man betrachte doch die Taten
Der Regierung, vor man klagt!

Freilich sind es nur Barone
Oder Grafen, die man nimmt, --
Aber das geschieht doch ohne
Absicht! Nein! Die Wahl bestimmt

Nur die Qualität des Geistes
Und Bewußsein strenger Pflicht.
Das Verzeichnis nun beweist es,
Huber -- Lehmann hat es nicht.

Doch ein Sohn der Itzenplitze,
Wenn ein Rindvieh auch obschon,
Er kommt immer an die Spitze, --
Aber ohne Protektion.



Quelle: https://gedichte.xbib.de

Ludwig Thoma

Donnerstag, 25. April 2013

Frühling

Nikola Jonkov Wapzarov

Frühling, du mein weißer Frühling,
der noch nicht erlebte, nicht gefeierte,
der sich im Traum allein entschleierte,
der im Tiefflug streift den Pappelwald -
du hast Kraft und Schwung, du machst nicht halt.

Frühling, du mein weißer Frühling,
Sturm und Regen wirst du einmal bringen,
Wirbelflammen über uns zu schwingen,
tausend Hoffnungen uns zu erfüllen,
unsrer blutigen Wunden Schmerz zu stillen.

Über jungen Saaten werden Lieder
froh erklingen, frohe Vögel schwimmen,
fröhlich wird das Werk die Menschen stimmen,
die sich lieben werden, eins wie Brüder.

Frühling, du mein weißer Frühling,
der das Leben läßt in Wüsten blühen -
zeige deinen ersten Schwung uns allen!
Sehe ich deine Sonne vor mir glühen,
will ich gern auf deinen Barrikaden fallen.


(A.E. Thoß und Stefan Stantscheff)

Quelle: Tränen und Rosen, Krieg und Frieden in Gedichten aus fünf Jahrtausenden von Achim Roscher, Verlag der Nation Berlin

Nikola Jonkov Wapzarov

Sonntag, 14. April 2013

ideaLISTEN

Jürgen F. Weißleder


Wo sind die radikalen Ideale
wo ist mein unkastriertes ich
das letzte Hemd scheint ungewaschen
wir fischern in dem trüben Grund

dem GEIZGIERGEIL den Platz gelassen
die Visionen abgeschafft
mit Selbstmitleid auf Alltagsfahnen
vertrauern wir die DiebstahlZeit

der Waffe Wort gilt meine Hoffnung
dem letzten Fähnlein mein Elan
das Morgengrau wird wieder rot sein
von unsrem letzten Tropfen BLUT

Sonntag, 7. April 2013

Deutsche Pleite

Kurt Tucholsky


»Die Geschäfte gehn nicht. Kein Mensch hat Geld.
Es ist ein Elend auf der Welt!
Keine Kredite und keine Kunden!
Wie soll Deutschland dabei gesunden?
Geschäfte machen hat gar keinen Sinn.
Herzliche Grüße! Wir sitzen hier in Lugano.«

»Heut habe ich wieder welche entlassen.
Wissen Sie, eins kann ich gar nicht fassen,
ununterbrochen frage ich mich:
Wovon leben die Leute eigentlich?
Kredite ... Aufwertung ... Großindustrie ...
Agrarpolitik ... Wo wohnen Sie?
Ich im Palace.«

Alle klagen und alle stöhnen;
keiner kann sich an Friede gewöhnen.
Alle stöhnen und alle klagen
und jammern nach alten Dollartagen.
Manche hört man aber nicht jammern.
Zu sechsen und zehnen in engen Kammern.

Ausgesperrt. Arbeitslos. Ohne Zeitung,
ohne Leitartikel zur Klagenverbreitung.
Die Tuberkulose sei ihnen gnädig ...
Die andern jammern in Rom und Venedig.
»Kein Geld!« in den Bergen. »Kein Kredit!« am Strand.
Armes Land.
Armes Land.


Quelle: https://www.textlog.de

Kurt Tucholsky

Freitag, 5. April 2013

Das Zigarrenlied

Hanns von Gumppenberg

Ein Couplet

Der Mensch ist wie eine Zigarre,
Gewickelt als Wickelkind,
Sortiert und gepreßt mit viel andern
In ein Titelkistchen geschwind!
Und ist er dann trocken unfraglich
Und gelagert die übliche Frist:
Dann kauft und verpafft ihn behaglich
Ein beliebiger Kapitalist.

Der Mensch ist wie eine Zigarre,
Das Deckblatt entscheidet den Wert:
Ist′s glatt, elegant, appetitlich,
So wird er geliebt und geehrt;
Exemplare mit fehlfarbner Hülle
Bieten oft zwar besondern Genuß -
Doch sind sie für Kenner, für stille,
Und ,pour la noblesse′ sind sie "Schuß".

Der Mensch ist wie eine Zigarre,
Befriedigt nicht jeden egal:
Man findet zu stark und zu scharf ihn,
Man schilt ihn zu leicht und zu schal!
Am beliebtesten ist noch die Mischung
Von Tabaken drei, vier oder sechs -
Doch der Kenner, der holt sich Erfrischung
Bei dem einfach reinen Gewächs.

Der Mensch ist wie eine Zigarre,
Er lebt nur, solang er noch glüht,
Solange verlangend tiefinnen
Die Sehnsucht noch zündet und sprüht!
Und muß es ihn zärtlich verzehren,
Dies Glühen so prächtig und rot -
Auf allen Lebensaltären
Loht feuriger, freudiger Tod!

Der Mensch ist wie eine Zigarre,
Kommt manchmal nur mühsam in Zug,
Oft, weil er zu schief ist gewickelt,
Und oft, weil nicht locker genug!
Doch brennt er nun schwach oder feste,
Verknistert er fruh oder spat:
Blauer Dunst ist am Menschen das Beste,
Und Asche das Resultat.


Quelle: https://gedichte.xbib.de

Hanns von Gumppenberg

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